Touristiker gelassen

Bereits 48 Todesopfer heuer: Die heile Welt der Schweiz hat Risse bekommen

Eine heftige Sturmböe hatte im Skigebiet von Engelberg Mitte vergangener Woche eine Gondel aus dem Seil gehoben. Eine Frau starb.
© AFP/Coffrini

48 Todesopfer haben die Eidgenossen seit Jahresbeginn wegen Nachlässigkeiten zu beklagen. In der Schweiz kratzen Katastrophen und Klüngelwirtschaft am Image als Heidiland.

Bern – Ein verheerender Brand in einer Bar in Crans-Montana, bei dem 41 Menschen starben: Die Behörden hatten bei den Brandschutzkontrollen geschlampt. Sechs Tote in einem ausgebrannten Bus in Kerzers: Ein psychisch kranker Mann, der beaufsichtigt gehörte, hatte sich in dem Bus angezündet.

Und beim Absturz einer Seilbahngondel bei heftigem Wind Mitte März starb eine Frau im Skigebiet von Engelberg. Es stellte sich heraus, dass der Gondelhersteller dem Liftbetreiber 2022 eine Nachrüstung von Klemmen, die die Gondeln am Seil halten, vorgeschlagen hatte. Der Liftbetreiber schlug das Angebot jedoch aus.

„Die Schweiz muss wirklich aufpassen, dass sie nicht auch verlottert, wie so vieles um uns herum“, polterte Roger Köppel, Politiker der populistischen SVP und Herausgeber der rechten Wochenzeitung Weltwoche, kürzlich in seinem täglichen Podcast.

Die heile Welt der Schweiz als Heidiland, in der alles sicher ist – das bekomme durch solche Unglücke Risse, sagt Jürg Stettler, Professor am Institut für Tourismus und Mobilität an der Hochschule Luzern. Auch die Schweiz sei nicht gefeit vor Klüngelwirtschaft. Sie müsse sich die Frage stellen, ob sie noch von ihrem Image lebe, die Realität aber inzwischen eine andere sei, sagt Stettler: „Die Schweiz täte gut daran, in den Spiegel zu schauen, selbstkritisch zu sein und ihre Hausaufgaben zu machen.“

Touristiker bleiben gelassen

Das Ansehen der Schweiz im Ausland ist traditionell hoch. Bei „Nation Branding“-Umfragen, die Ansehen, Image und Attraktivität von Nationen messen, kommt die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern immer auf die ersten Plätze. „Die Schweiz wird als stabil und sicher wahrgenommen“, sagt Alexandre Edelmann, Chef der Abteilung „Präsenz Schweiz“ im Außenministerium. Trotz der Unglücke habe es nach erstem Anschein keine Ferienstornierungen gegeben. „Wir gehen nicht davon aus, dass die Wahrnehmung langfristig gestört ist“, sagt er.

Für den Tourismusforscher Stettler sind solche Tragödien zum Teil eine Frage des Gelds. Etwa, wenn es darum gehe, ob Klemmen an einer Gondel nachgerüstet werden oder nicht, oder ob man die Zahl der Gäste in einer Bar wie jener in Crans-Montana auf ein sicheres Maß begrenzt. „Aber das greift zu kurz“, sagt er.

Es gehe auch um Werte, Achtsamkeit und Qualität. Jeder mit Führungsverantwortung müsse sich in seinem Verantwortungsbereich nun fragen: „Was muss ich tun, damit die Kunden Vertrauen haben?“ (dpa, TT)

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