Milliarden für Deutsche Bahn: Warum Fahrgäste noch jahrelang viel Geduld brauchen werden
Seit Jahren bestehen gravierende Probleme im deutschen Zugverkehr, nun kommt eine Modernisierungs-Offensive. Zunächst wird diese aber zur Belastungsprobe.
Berlin – Ausgefallene Züge, stundenlange Verspätungen, defekte Klimaanlagen – Geschichten zum Bahnfahren in Deutschland kennt jeder, in den Sozialen Medien gehen sie mit Hashtags wie #DBFail oder #Bahnchaos viral. Auch ÖBB- und Westbahn-Kunden müssen sich immer wieder über baustellenbedingte Sperren am Deutschen Eck ärgern.
Nun soll alles besser werden: Die Deutsche Bahn stockt zusammen mit dem Bund die Investitionen in das marode Schienennetz kräftig auf. "Vor uns liegt ein langer Weg", räumt die neue Bahnchefin Evelyn Palla ein.
Ständige Verspätungen sollen nach den Sanierungen der Vergangenheit angehören, damit mehr Passagiere die Bahn nutzen und mehr Güter auf der Schiene transportiert werden. Doch Geduld und gute Nerven werden die Kundinnen und Kunden noch auf Jahre hinaus haben müssen.
"Es läuft nicht rund"
Die Deutsche Bahn sei ein Symbol für den Wirtschaftsstandort Deutschland, sagt Tim Engartner, Professor an der Universität Köln und Autor mehrerer Studien über die Bahn. "Es läuft nicht rund." Nach Angaben des Staatskonzerns waren im Jahr 2025 nur gut 60 Prozent seiner Fernverkehrszüge pünktlich. 40 Prozent waren es also nicht.
Dabei beschönige die Bahn ihre Statistik, sagt Engartner. In Japan gelte ein Zug nach einer Minute als verspätet, in Deutschland erst nach sechs. Zudem habe sich die Pünktlichkeit teilweise verbessert, weil die geplanten Fahrzeiten verlängert worden seien. "Das ist Trickserei, Taschenspielertrick." Und trotzdem noch teuer für die Bahn. Der Konzern zahlte im Jahr 2025 aufgrund der vielen Verspätungen im Fernverkehr 156,1 Mio. Euro Entschädigungen an Reisende.
Tiefrote Bilanz
Jahrelang wurde das Schienennetz vernachlässigt und zu wenig investiert in Gleise, Weichen, Signaltechnik und Bahnhöfe, während das Verkehrsaufkommen stetig stieg. "Wenn man 30 Jahre lang kein Geld in ein System steckt, hat man es natürlich jetzt mit einem maroden System zu tun", sagt Mobilitätsexpertin Katja Diehl. Deutschland hat die staatlichen Pro-Kopf-Investitionen in die Schieneninfrastruktur im Jahr 2024 zwar auf 198 Euro verdoppelt, lag laut Allianz pro Schiene aber immer noch hinter Österreich, der Schweiz, Norwegen, Schweden und Großbritannien.
Experten zufolge gehen die Probleme auf die Bahnreform von 1994 zurück, als die Deutsche Bahn von einem am Gemeinwohl orientierten Konzern zu einer auf Rentabilität ausgerichteten Aktiengesellschaft wurde. "Ich würde das den Wandel von der Bürgerbahn zur Börsenbahn nennen", so Branchenexperte Engartner. Gelungen ist das nicht nachhaltig. 2025 stand in der Bilanz erneut ein dicker Verlust von 2,3 Mrd. Euro.
Zehn Jahre Geduld nötig
Palla bittet Kunden um Geduld. Es werde etwa zehn Jahre dauern, bis das Schienennetz wieder in einem guten Zustand sei. Zusammen mit der Regierung seien heuer Investitionen von mehr als 23 Mrd. Euro geplant. 2026 werde ein "Super-Baujahr". Die Kehrseite der rund 28.000 Baustellen ist, dass die Pünktlichkeitsquote nicht schnell besser werden dürfte. "Sie nennen es eine Investitionsoffensive", sagt Diehl. Es seien aber eher stabilisierende Investitionen, um Verschlechterungen zu verhindern. Ausgeweitet werde das Netz nicht. (APA/Reuters)
Transit-Anstieg befürchtet