Zeig mir deine Zähne und ich sage dir, wer du bist
Kaum ein Körperteil sagt so viel über sozialen Status und Körperhygiene aus wie Zähne. Kein Wunder, dass sich die Longevity-Bewegung darauf konzentriert.
Longevity – das Streben nach einem langen und gesunden Leben – ist in aller Munde. Wortwörtlich. So wird versprochen, dass Kollagentabletten Falten reduzieren. Olivenpresswasser wirke antientzündlich. Damit nicht genug: Kältesaunen würden den Alterungsprozess verlangsamen und Vitamin-Infusionen die Energie steigern. Mag wirken. Muss es aber nicht.
In einem Bereich des Körpers hingegen sind die Longevity-Methoden ebenso glaubwürdig wie simpel und lange bewährt: So zeigen Zähne auf den ersten Blick, wie es um sozialen Status und Körperpflege steht: Klafft eine Lücke in der gelblichen Zahnreihe? Oder stehen die Beißereien Spalier und erstrahlen weiß?
Keine Prothese im Alter
„Gerade im Alter wird die Diskrepanz deutlich“, schildert Marcellus M. Weger. Für so manchen Patienten des Innsbrucker Zahnarztes sei es eine gängige Vorstellung, dass Großeltern Prothesen oder Brücken tragen. Dabei könne man seine Zähne ohne großen Aufwand ein Leben lang gesund und schön erhalten:
Zwei Mal täglich für je drei Minuten putzen. „Ob elektrisch oder manuell spielt keine Rolle. Hauptsache man wendet danach Zahnseide an.“ Eine harte Bürste mag übrigens effizienter wirken als eine weiche – doch mit den wenig nachgiebigen Borsten schleift man den wertvollen Zahnschmelz ab.
Zwei Mal jährlich zur Kontrolle und Mundhygiene. Dabei wird etwa Zahnstein entfernt. Der ist laut Weger nicht nur ein optischer Makel: „Dieser Zahnbelag existiert so lange, dass er mineralisierte und hart wurde.“ Mit der Zunge betastet, mag man die langsam anwachsende Substanz sogar für ein Stück Zahn halten.
Ein Patient suchte Weger nervös auf, weil er fürchtete, dass ein Stück Zahn abgebrochen sei. Auf den ersten Blick erkannte der Zahnarzt, dass es sich bei dem Splitter nicht um Zahn, sondern Zahnstein handelte. Dessen Verlust war für den Patienten eine Wohltat: „Denn die Ablagerung ist ein Bakterienherd.“
Mit etwas Pech folgen daraus Zahnfleischentzündungen, Karies, Zahnverlust und gelangen die Bakterien in die Blutbahn, droht sogar ein Herz-Kreislauf-Risiko.“
Clever ernähren. „Der Zahn, der viel höher zu achten ist als ein Diamant, leidet etwa unter Getränken, die Säure und Zucker kombinieren“, schildert Weger. Zucker „füttere“ Bakterien. Säure greife Zahnschmelz an, indem sie ihm Mineralien entziehe und ihn „aufweiche“. Dieses Wort ist laut Weger nicht ganz exakt und doch treffend: „Putzt man einen Zahn, der soeben von Säure angegriffen wurde, löst sich Zahnschmelz leichter ab.“
Besonders strapaziös würde es für Zähne, wenn man über den Tag hinweg Schlucke dieser Getränke nimmt – egal ob frischer Orangensaft oder noch schlimmere Energie-Drinks.
Die unsichtbare Gefahr
Die drei goldenen Zahn-Longevity-Regeln verhindern auch das Ausbreiten einer unsichtbaren Gefahr: „Chronischen Entzündungen.“
Die verlaufen oft über Jahre symptomarm, verursachen keine akuten Schmerzen, können aber langfristig zu massiven Problemen – wie Typ‑2-Diabetes, Autoimmunerkrankungen, chronischer Erschöpfung, Hautproblemen oder depressiven Verstimmungen – führen.
Selbst vermeintlich Gesunde seien davor nicht gefeit. „Es gab Fälle, bei denen Profisportler plötzlich Probleme hatten, Leistung zu bringen“, erinnert sich Weger. Erst nach langer Suche identifizierte man einen ach so unscheinbaren, kleinen Zahn als großen Übeltäter.