Der menschliche „Bildsensor“

Die biologische Kamera

Die Symptome einer Netzhauterkrankung sind oft schleichend und werden manchmal zunächst nicht ernst genommen.
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Die Netzhaut ist essenziell für den Sehvorgang. Priv.-Doz. DDr. Siegfried Mariacher FEBO, Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie, erklärt im Interview die besondere Charakteristik der Retina und erläutert die Behandlungsmethoden.

Können Sie eingangs Ihr Fachgebiet und Ihren Werdegang beschreiben?

DDr. Siegfried Mariacher: Ich bin Facharzt für Augenheilkunde und habe mich auf die Behandlung des Grauen Stars (Kataraktoperationen) sowie auf Operationen an der Netzhaut spezialisiert. Gleichzeitig ist mir die umfassende und persönliche Betreuung meiner Patientinnen und Patienten besonders wichtig. Nach meinem Studium in Innsbruck war ich in Deutschland klinisch und wissenschaftlich tätig und habe mich intensiv mit modernen Operationstechniken beschäftigt – unter anderem an der Universitätsklinik Tübingen, wo ich auch promoviert habe. Weitere Stationen führten mich an die Stanford University sowie nach Paris, wo ich den Europäischen Facharzttitel erworben habe. Am Kepleruniversitätsklinikum Linz habilitierte ich mich im Bereich der lasergestützten Kataraktchirurgie und war dort bis zu meiner Rückkehr nach Tirol als leitender Oberarzt tätig. Heute betreue ich meine Patientinnen und Patienten in meiner Ordination in Innsbruck und operiere im Privatklinikum Hochrum – immer mit dem Ziel, bestmögliches Sehen zu ermöglichen.

Was genau ist die Netzhaut?

Mariacher: Die Netzhaut ist eine dünne, lichtempfindliche, hochspezialisierte Gewebeschicht im hinteren Teil des Auges. Sie funktioniert gewissermaßen wie der „Bildsensor“ einer Kamera: Sie wandelt Lichtreize in elektrische Signale um, welche anschließend zu einem Bild weiterverarbeitet werden. Das Auge wäre ohne Netzhaut wie eine Kamera ohne Sensor oder Film – es kommt zwar Licht hinein, aber es entsteht kein Bild, selbst wenn alle anderen Strukturen des Auges (Hornhaut, Linse, Glaskörper) intakt sind.

Welche Probleme treten hier am häufigsten auf und wie können sie behandelt werden?

Mariacher: Zu den häufigsten Erkrankungen der Netzhaut zählen die altersbedingte Makuladegeneration, die epiretinale Gliose (eine Art Zellmembran, die sich auf der Netzhaut bildet), das Makulaforamen (ein kleines Loch in der Makula, dem zentralen Bereich der Netzhaut, der für scharfes Sehen verantwortlich ist), aber auch die diabetische Retinopathie und die Netzhautablösung. Die Behandlungsmöglichkeiten sind heute sehr vielfältig und hängen von der jeweiligen Erkrankung ab. Sie reichen von medikamentösen Therapien – etwa durch Injektionen ins Auge – über Laserbehandlungen, bis hin zu schonenden mikrochirurgischen Eingriffen, bei denen wir mit feinsten Instrumenten im Auge arbeiten.

Welche Symptome können dabei auftreten?

Mariacher: Die Symptome sind oft schleichend und werden manchmal zunächst nicht ernst genommen. Typisch sind verzerrtes Sehen, bei dem gerade Linien plötzlich verbogen erscheinen, verschwommenes oder unscharfes Sehen sowie ein dunkler oder grauer Fleck im Zentrum des Gesichtsfeldes. Bei einer Netzhautablösung kann es zu Lichtblitzen, einem „Rußregen“ oder einem Schatten kommen, der sich wie ein Vorhang über das Sichtfeld legt. Solche Warnzeichen sollten unbedingt umgehend abgeklärt werden.

Welche Auswirkungen haben diese Erkrankungen, wenn sie unbehandelt bleiben?

Mariacher: Unbehandelt können viele dieser Erkrankungen zu einer dauerhaften und teilweise erheblichen Sehverschlechterung führen. In fortgeschrittenen Stadien ist auch ein schwerer Sehverlust möglich. Netzhauterkrankungen können auch die zentrale Sehschärfe beeinträchtigen, was den Alltag – etwa Lesen oder Autofahren – stark einschränken kann. Die gute Nachricht ist jedoch: Die operative Therapie mit modernen Operationstechniken ist meist sehr erfolgreich.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen, um solche Erkrankungen zu verhindern?

Mariacher: Man kann das Risiko durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflussen. Dazu gehört eine ausgewogene Ernährung, möglichst der Verzicht auf Rauchen, regelmäßige Bewegung sowie ein guter Schutz vor UV-Strahlung. Wichtig sind auch regelmäßige augenärztliche Kontrollen, vor allem ab dem mittleren Lebensalter, aber auch bei Risikofaktoren wie Diabetes mellitus, genetischer Veranlagung bzw. familiärer Vorbelastung, Gefäßerkrankungen oder Kurzsichtigkeit. Viele Netzhauterkrankungen lassen sich im Frühstadium deutlich besser behandeln.

Stellen Sie in bestimmten Bereichen eine Erhöhung der Krankheitsfälle fest?

Mariacher: Ja, Netzhauterkrankungen nehmen zu – vor allem wegen demografischer Entwicklungen wie der zunehmenden Lebenserwartung, häufiger vorkommender Grunderkrankungen und besserer Diagnostik.

Gerade feinere Diagnostikverfahren wie das hochauflösende OCT führen dazu, dass wir Veränderungen heute häufiger und früher erkennen. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass wir Netzhauterkrankungen heute deutlich gezielter behandeln können als noch vor einigen Jahren.

Welche Bedeutung haben Netzhauterkrankungen für die Menschen im Alltag?

Mariacher: Die moderne Netzhautchirurgie bietet heute hochentwickelte, schonende und sehr effektive Behandlungsmöglichkeiten. Bei vielen Netzhauterkrankungen können wir durch präzise mikrochirurgische Eingriffe häufig eine deutliche Verbesserung oder Stabilisierung des Sehvermögens erreichen. Mein klares Fazit lautet daher: Vorsorge, Früherkennung und spezialisierte Behandlung sind der Schlüssel. Regelmäßige augenärztliche Kontrollen helfen, Netzhauterkrankungen rechtzeitig zu diagnostizieren und optimal zu therapieren.

So lassen sich in vielen Fällen Sehkraft und Lebensqualität langfristig auf hohem Niveau erhalten.