Nirgendwo mehr sicher

300 Tote in zehn Minuten: Libanons Angst vor dem Nachbarn Israel

Zerstörung, Tod, Leid – die Folgen der israelischen Angriffe im Libanon.
© APA/AFP/-

Nach einer beispiellosen israelischen Angriffswelle mit über 300 Toten herrscht im Libanon Schock und Angst. Die Attacken haben nicht nur Tod und Zerstörung gebracht, sondern auch das Misstrauen innerhalb der Gesellschaft tief gespalten.

Beirut – Im Libanon sitzt der Schock tief: Das israelische Militär hat das Land am Mittwochnachmittag mit einer nie da gewesenen Angriffswelle überzogen. Mehr als 100 Angriffe binnen zehn Minuten, so rühmt sich die israelische Armee. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden dabei mehr als 300 Menschen in der Hauptstadt Beirut, im Süden, im Osten und in Teilen des Nordens getötet.

Nirgendwo mehr sicher

Spätestens seitdem sind sich die Libanesinnen und Libanesen einig: Nirgendwo im Land ist es mehr sicher. Angst durchdringt den kleinen Mittelmeerstaat. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs, also seitdem die USA und Israel den Iran Ende Februar angegriffen hatten, beschießen sich auch das israelische Militär und die libanesische Hisbollah im Libanon erneut gegenseitig. Die mit dem Iran verbündete Miliz griff Israel wieder mit Raketen an, Israel reagierte mit heftigen Luftangriffen und Bodeneinsätzen in dem nördlichen Nachbarland. Eine zwischen den USA und dem Iran geltende Waffenruhe will das israelische Militär nicht auch für den Krieg im Libanon akzeptieren.

So hatte die israelische Luftwaffe in einem überraschenden Großangriff trotz der Feuerpause im Iran-Krieg zahlreiche Ziele im Libanon bombardiert, darunter auch in der Hauptstadt Beirut. Nach Angaben des israelischen Militärs galt der Angriff Kommandanten und militärischer Infrastruktur der mit dem Iran verbündeten Hisbollah-Miliz. Nach libanesischen Angaben waren jedoch viele Zivilisten betroffen. Es war der tödlichste Tag für den Libanon seit Beginn des Krieges.

Völlige Erschöpfung bei den Einsatzkräften in Beirut.
© IMAGO/Sally Hayden / SOPA Images

Misstrauen gegenüber Schiiten

Derweil braut sich abseits der Angriffe im Libanon ein weiteres Problem zusammen. Es herrscht Misstrauen unter den Libanesen. Wem kann man noch trauen? „Hast Du das weiße Auto dort drüben gesehen?“, fragt Charbel, der in einem christlichen Viertel Beiruts einen kleinen Laden führt, seinen Nachbarn. Er führt ihn zur anderen Straßenseite und deutet auf den Rückspiegel des Autos. Dort baumelt ein Foto eines „Märtyrers“ – eines getöteten Hisbollah-Kämpfers. „Wer weiß, was sich in dem Auto versteckt“, sagt Charbel. „Womöglich wird es morgen angegriffen und fliegt samt meinem Geschäft und mir in die Luft.“

Wer weiß, was sich in dem Auto versteckt. Womöglich wird es morgen angegriffen und fliegt samt meinem Geschäft und mir in die Luft.
Charbel, Einwohner von Beirut

Der Libanon ist geprägt vom Zusammenleben verschiedener Konfessionen. Insgesamt sind 18 Konfessionen staatlich anerkannt. Der Großteil der Menschen sind schiitische und sunnitische Muslime, danach kommen Christen. Von den mehr als einer Million Menschen, die im Libanon durch den jüngsten Krieg vertrieben worden sind, sind die meisten Schiiten. Sie sehen in der Hisbollah eine Art Schutzmacht. Viele von ihnen unterstützen den Kampf und Widerstand der Hisbollah gegen Israel, wie sie es nennen. Sie kommen aus den von der Hisbollah kontrollierten Gebieten, im Süden des Landes, aus den südlichen Vororten Beiruts und aus der Bekaa-Ebene im Osten des Landes.

Wegen der Angriffe stehen viele Schiiten nun vor dem Nichts. Ihre Häuser sind zerbombt. Doch Wohnraum an sie zu vermieten oder gar zu verkaufen ist vor allem für Nicht-Schiiten in diesen Tagen undenkbar.

Israel argumentiert die massiven Angriffe mit der Zerstörung der Hisbollah-Miliz. Die großen Leidtragendenn sind meist die BewohnerInnen.
© APA/AFP/FADEL ITANI

Angst, Paranoia und Schuldzuweisungen

„Es herrscht eine weit verbreitete Panik“, sagt der politische Beobachter Ronnie Chatah der Deutschen Presse-Agentur. Bereits zuvor hatte sich Chatah besorgt über die militärischen Fähigkeiten der Hisbollah geäußert. Es herrsche Paranoia, weil die Israelis so viele verschiedene Ziele angegriffen hätten. Die Menschen würden genauer beobachten, wer ihr Haus betreten und wer dort wohnen wollen würde. „Es gibt Schuldzuweisungen und Groll“, sagt Chatah mit Bezug auf die Hisbollah. Von Hass will er aber nicht sprechen.

Es herrscht eine weit verbreitete Panik. Es gibt Schuldzuweisungen und Groll.
Ronnie Chatah, politischer Beobachter

Diese Art der Skepsis und Zurückhaltung fuße auf „tiefer, tiefer Angst davor, selbst ins Visier genommen zu werden und zum Kollateralschaden zu werden“, sagt Chatah. Das habe es schon im vergangenen Krieg im Herbst 2024 gegeben.

In den Städten fühlt sich niemand mehr sicher. Wenigstens am Land lässt sich kurz die Wasserpfeife – mehr oder weniger – genießen.
© APA/AFP/FADEL ITANI

Schiiten unerwünscht

Die Isolierung der schiitischen Gemeinschaft wurde durch die heftige Angriffswelle am Mittwoch nur noch befeuert. Denn viele Attacken in der Hauptstadt fanden in nicht-schiitischen Vierteln statt. Das israelische Militär teilte dazu mit, die Hisbollah bewege sich nun außerhalb ihrer üblichen Gegenden und präsentiere damit einen Grund, weiter auch in nicht traditionell schiitischen Vierteln anzugreifen.

„Ich wurde vor zwei Tagen aus meiner Wohnung in Beirut geschmissen“, erzählt Mohammed Skaiki. Seit dem vergangenen Krieg mit Israel hatte er in einem kleinen Apartment in einem christlichen Stadtteil gewohnt. „Sie wollten uns nicht mehr, vermutlich weil wir Schiiten sind“, sagt er. Er habe den Vermietern versucht zu erklären, er habe nichts mit der Hisbollah zu tun. Doch der habe abgelehnt. „Wir werden jetzt von allen gehasst“, sagt er. Er wisse nicht mehr, wo er hingehen solle. Seine zwei Töchter seien noch in Behandlung in Beirut, weil sie im vergangenen Krieg verwundet worden seien.

© IMAGO/Xinhua

„Sie verstecken sich hinter Zivilisten“

Anne, eine christliche Bewohnerin Beiruts, sagt: „Ich habe mehrere Mietwohnungen, aber ich würde sie niemals einer schiitischen Familie geben.“ Sie erklärt: „Wir haben Angst vor ihnen, weil ihre Leute – also die Hisbollah – sich zwischen Zivilisten verstecken, und Zivilisten zahlen nun den Preis.“ Auch das israelische Militär wirft der Miliz vor, sich hinter Zivilisten zu verstecken.

Wie Anne denken viele im Libanon. Sie wünschen sich Frieden und sehen ihn durch die Hisbollah sabotiert. Die Hisbollah sei heute vor allem ein Spiegelbild der sicherheitspolitischen Einflussnahme der iranischen Regierung, sagt Beobachter Chatah. Die Hisbollah existiere zwar weiterhin. Aber in ihrer derzeitigen Form – als Schatten des Irans – habe sie einen großen Teil ihrer früheren Legitimität im Libanon verloren. Man könne Libanesen aus allen Gemeinschaften – auch aus der schiitischen – finden, die die Hisbollah entschieden ablehnten, auch wenn sie sie zu anderen Zeiten unterstützt oder gar geliebt hätten. (APA, dpa)

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