40 Jahre Tschernobyl: Selenskyj fordert Ende von Moskaus „nuklearem Terrorismus“
Mit seinem Krieg gegen die Ukraine und Drohnenangriffen bringe Russland die Welt erneut an den Rand einer Katastrophe, warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat zum 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl eine Beendigung des russischen „nuklearen Terrorismus“ gefordert. Er sprach die russischen Drohnen an, die über dem Gebiet fliegen. Voriges Jahr wurde die Sicherheitshülle aus Stahl über dem Unglücksreaktor 4 des am 26. April 1986 havarierten Kraftwerks beschädigt.
Das Bauwerk solle den Strahlenaustritt und die Kontamination verhindern, seine Erhaltung liege im Interesse aller, sagte Selenskyj. Die Kosten für die Reparatur der Stahlkonstruktion werden mit einer halben Milliarde Euro veranschlagt.
„Russland zwingen, Angriffe einzustellen“
„Die Welt darf nicht zulassen, dass dieser nukleare Terrorismus weitergeht, und der beste Weg ist, Russland zu zwingen, seine wahnsinnigen Angriffe einzustellen“, sagte Selenskyj. Er fordert seit langem auch ein Ende der russischen Besetzung des Atomkraftwerks Saporischschja, das Moskaus Atomkonzern Rosatom nach Beginn des Krieges unter seine Kontrolle gebracht hatte.
Selenskyj erinnerte mit einem Video an die größte Nuklearkatastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft vor 40 Jahren in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine. „Ehre sei allen Opfern der Katastrophe von Tschernobyl“, sagte er.
Gedenkzeremonie auf dem Kraftwerksgelände
In der Ukraine wird am Sonntag der verheerenden Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion vor 40 Jahren gedacht. Auf dem Kraftwerksgelände in der Nordukraine ist eine Zeremonie der Staatsführung mit Präsident Selenskyj geplant. Wegen des seit 2022 laufenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der nahen Grenze zu Russlands Verbündetem Belarus gelten dabei strenge Sicherheitsvorkehrungen.
Zudem wird in der Hauptstadt Kiew und anderen Orten mit Schweigeminuten, Ausstellungen, Konzerten, Filmvorführungen und dem Niederlegen von Blumen an die tragischen Ereignisse erinnert. Gedenkveranstaltungen wird es ebenfalls im sehr stark betroffenen Nachbarland Belarus, Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken geben.
Schlimmste zivile Nuklearkatastrophe
Der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall, am 26. April 1986 war die schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte. In der damaligen Sowjetrepublik Ukraine geriet ein Test im AKW Tschernobyl außer Kontrolle. Radioaktive Wolken breiteten sich abgeschwächt bis nach Nord- und Westeuropa aus. Doch trafen sie neben der Nordukraine vor allem das benachbarte Belarus und auch den Westen Russlands. Monatelang sonderte die offen daliegende Atomruine Strahlung in die Umgebung ab.
Die erste öffentliche Warnung erfolgte erst zwei Tage nach der Explosion, als Schweden einen Anstieg der Strahlungswerte auf seinem Territorium registrierte. Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen weit auseinander.
Die Tschernobyl-Katastrophe weckte international große Ängste vor der Atomkraft. Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus. Über 100.000 Menschen wurden aus den radioaktiv belasteten Gebieten der 30-Kilometer-Sperrzone um das inzwischen stillgelegte Kraftwerk zwangsumgesiedelt.
Rosatom betont Sicherheit
Die sowjetische Zentralregierung in Moskau stand damals in der Kritik, das wahre Ausmaß der Katastrophe lange verheimlicht und Hunderttausende Menschen in Gefahr gebracht zu haben. In Moskau beteuerte Rosatom-Chef Alexej Lichatschow zum Jahrestag, dass die Kernkraftwerke russischer Bauart heute sicher seien. „Der Unfall zwang uns zu einer grundlegenden Überarbeitung unserer Sicherheitskonzepte“, sagte er. „Heute ist bei den russischen Kernreaktoren ein Tschernobyl-Szenario ausgeschlossen.“
Bei der Eröffnung einer Ausstellung zum Jahrestag erinnerte Lichatschow an die „heldenhafte Arbeit“ der sogenannten Liquidatoren, die damals die Folgen der Katastrophe beseitigten. „An den Aufräumarbeiten waren mehr als 600.000 Menschen beteiligt – Nukleartechniker, Soldaten, Feuerwehrleute, Bergleute, Bauarbeiter und Ärzte“, sagte er.
Sie hätten damals auch den Betonsarkophag errichtet, der den Austritt von Radioaktivität begrenzte, sagte Lichatschow bei einer Veranstaltung, bei der laut einer Mitteilung von Rosatom auch Auszeichnungen an Liquidatoren verliehen wurden.
Auch der Papst gedachte Opfern
Der Papst hat am Sonntag beim Regina-Coeli-Gebet den 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe gedacht. Das Unglück habe „das Gewissen der Menschheit geprägt“. Das Ereignis bleibe eine Mahnung an die Risiken immer leistungsfähigerer Technologien, sagte Leo XIV. Er gedachte der Opfer und aller Menschen, die bis heute unter den Folgen der Katastrophe leiden.
Zugleich rief der Papst dazu auf, dass auf allen Entscheidungsebenen "Urteilsvermögen und Verantwortung" Vorrang haben sollten, damit jede Nutzung der Atomenergie dem Leben und dem Frieden diene. (APA, dpa, AFP)