Digitale Zeitreise ins Innsbrucker Nachtleben der Zwischenkriegszeit
Mit „Schund und Sünde“ widmen sich Manuela Rathmayer und Sandra Hupfauf der Nacht- und Vergnügungskultur der Jahre 1918 bis 1938 – und ihrer antisemitischen, rassistischen und kulturpolitischen Abwertung.
Innsbruck – Der digitale Zeitreiseführer „Schund und Sünde – Innsbrucker Nachtleben 1918–38“ ist das Siegerprojekt der „gedenk_potenziale 2026“. Er widmet sich dem Innsbrucker Nachtleben der Zwischenkriegszeit und zeigt, wie Tanztees, Varietés, Jazz und Kabarett in den Jahren vor und während des Nationalsozialismus zunehmend antisemitisch, rassistisch und kulturpolitisch abgewertet wurden. Im Mittelpunkt stehen dabei auch jene Menschen, die diese Vergnügungskultur prägten und später ausgegrenzt, verfolgt oder entrechtet wurden.
Präsentiert wurde das Projekt am Dienstag, dem 5. Mai, dem Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Entwickelt haben es die Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin Manuela Rathmayer sowie die Musikwissenschaftlerin und Historikerin Sandra Hupfauf. Zum Team gehören außerdem Stefan Hartlieb und Konrad Kuhn; die technische Ausführung übernimmt Julienne Schult von der Locandy GmbH.
Als „fremde“ Vergnügungen verteufelt
Der Titel spielt bewusst mit einer naheliegenden Verwechslung. Im Zusammenhang mit NS-Gedenken erwartet man eher „Schuld und Sühne“. „Schund und Sünde“ aber waren Begriffe, mit denen Nationalsozialisten moderne, urbane und als „fremd“ markierte Vergnügungskultur abwerteten. Gemeint waren damit Tanzveranstaltungen, Varieté, Jazz und Kabarett – aber auch die Menschen, die damit in Verbindung gebracht wurden: etwa jüdische Lokalbesitzerinnen, queere Künstlerinnen oder schwarze Tänzer.
Der digitale Führer arbeitet mit Collagen, 3D-Rekonstruktionen und einer theatralischen Inszenierung im Hörspiel-Stil. Über das Smartphone soll so eine virtuelle Stadtlandschaft entstehen, die auf aktuellen wissenschaftlichen Quellenfunden basiert und Orte des Innsbrucker Nachtlebens der Jahre 1918 bis 1938 zugänglich macht. Es geht dabei auch um die Frage, wie eine einst sichtbare Vergnügungskultur durch antisemitische Hetze, Enteignung, Deportation und nationalsozialistische Kulturpolitik verdrängt wurde.
Vizebürgermeister Georg Willi (Grüne) sprach bei der Präsentation von einer „spannenden und innovativen Herangehensweise“ an das Gedenken. Das Hörspiel erzeuge eine Welt im Kopf, die es erleichtere, sich in die Menschen hineinzuversetzen und Mitgefühl zu empfinden. Das sei, so Willi, eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich das Geschehene nicht wiederhole.
Mit den „gedenk_potenzialen“ fördert die Stadt Innsbruck Projekte, die sich mit Erinnerungskultur und dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Zugleich wurde die Bewerbungsfrist für die „gedenk_potenziale 2028“ gestartet. Projekte können bis 1. September 2026, 16 Uhr, digital eingereicht werden. (TT)
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