Lieber Skifahren statt Schwimmen lernen? Dabei geht es doch im Wasser um die Sicherheit
Warum lernen Dreijährige in Tirol zwar oft Skifahren, aber noch nicht schwimmen? Zugegeben, der Aufwand vor allem für uns Eltern ist nicht ohne, die Infrastruktur ist im ländlichen Raum oft schlecht. Doch es geht vor allem um Sicherheit.
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Kennt ihr das Tiroler Sport-Paradoxon? Ich kläre euch auf. In Tirol lernen viele Kinder mit etwa drei bis vier Jahren Skifahren– aber man glaubt es kaum, sie lernen noch nicht schwimmen. Im Winter werden mit viel Pathos, viel Landesstolz und mit großen Emotionen kleine Kindergartler nicht selten auf diverse Zauberteppiche gezerrt, mit „Pizza! Pizzaaaaaa!!“ angebrüllt und schließlich unter Tränen wieder heimgeschleppt.
Mit dem Schwimmen aber, wo es um die Sicherheit geht, im Ernstfall sogar um Leben und Tod, scheint man sich noch Zeit zu lassen. Wie viele Vierjährige können in Tirol schwimmen? Leider viel zu wenige. Motorisch betrachtet wären nämlich bereits Zweijährige in der Lage, falls sie ins Wasser fallen würden, den Auftrieb zu spüren und zu nutzen und sich selbst zum Beckenrand fortzubewegen. Training und Übung vorausgesetzt. Zumindest sollten sie sich einigermaßen über Wasser halten können, bis Hilfe kommt. Doch bedauerlicherweise ist der Großteil der Kinder in diesem Alter von diesen Kompetenzen weit entfernt. Bis zu 20 Prozent aller Pflichtschul-Kinder (!) gelten laut offiziellen Erhebungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit als „ ertrinkungsgefährdet“.
Dass derart große Lücken aufklaffen, fällt mir oft schwer zu realisieren. Denn zumindest in meiner urban geprägten Blase scheint sich das Bewusstsein allein im vergangenen Jahrzehnt massiv gewandelt zu haben. Von den 1980er Jahren, als mir im Volksschulalter Papa und Opa das Schwimmen beigebracht haben, ganz zu schweigen.
Denn wer je versucht hat, im Großraum Innsbruck für einen Fünfjährigen einen Platz in einem Schwimmkurs zu ergattern, weiß, was ich meine. Im städtischen Umfeld gibt es um ein Vielfaches mehr Vereine, Schwimmschulen und Trainerinnen und Trainer als die Schwimmbäder Bahnen haben. So gut wie alle Kurse sind Wochen und Monate im Voraus ausgebucht. Schon jetzt führen viele Anbieter Wartelisten für den kommenden Herbst. Und dank der großzügigen Gemeinde-Fördertöpfe ist das Schwimmenlernen – zum Glück – keine Frage des Geldes.
Im ländlichen Raum schaut das oft ganz anders aus. Die infrastrukturellen Probleme sind offensichtlich. Oft ist das nächste Hallenbad zig Kilometer entfernt, das Öffi-Netz schlecht ausgebaut, und daher verwundert es nicht, dass es auch nur wenige Schwimmkurs-Anbieter gibt.
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Ganz ehrlich gesagt, ich bin froh, dass meine großen Schulkinder mittlerweile sehr gut schwimmen können und auch der Fünfjährige sich recht sicher im Wasser bewegt. Denn in den vergangenen elf Jahren habe ich hunderte, gefühlt tausende, Kilometer zu diversen Schwimmbädern zurückgelegt. Unzählige Stunden in Vorräumen und Cafés auf das jeweilige Schwimmkind gewartet. Dabei in wenig kleinkindfreundlicher Umgebung das nächstjüngere Kind bespaßt.
Wir haben Schwimmbrillen in zweistelliger Anzahl gekauft und wieder verloren, pro Kind wohlgemerkt. Heute kann ich sagen, der schweißtreibende Aufwand, die Diskussionen über den Trocknungsgrad von Haaren bei winterlichen Minusgraden, die Tonnen an Müsliriegel und Bananen, die in den Schwimmbädern verdrückt worden sind, es hat sich gelohnt.
Dass der Große ein Jahrzehnt später schon stolzer Fahrtenschwimmer ist – das hätte ich als Erstlingsmama nie gewagt, so vorherzusagen. Wie erwähnt, vor mehr als zehn Jahren war auch im Innsbrucker Umland das Angebot für Kleinkinder noch rar. Damals war in den meisten einschlägigen Institutionen nach zwei Kursblöcken Babyschwimmen Schluss. Wir machten zwar noch ein etwas halbherzig inszeniertes Wassergewöhnungs-Training für Kinder ab 18 Monaten. Aber: mein Großer hasste es.
Nachdem er sich einmal kurz nach dem ersten Geburtstag zentimeterdick Schuhwachs in die Haare geschmiert hatte und die entsprechende Reinigungsprozedur leider alternativlos war, verabscheute er Wasser am Körper, und ganz besonders am Kopf. Wie auch immer die Schwimmlehrerin unseres Vertrauens die Begeisterung für Schwimmen, Planschen, Tauchen, den Köpfler und sogar Kraulen entfachen hat können – ein imaginärer Orden und ein großer Platz in unserem Herzen sind ihr sicher. Und das weiß sie! Danke!
Und auch wenn die Schulkinder mittlerweile gelegentlich alleine ins Schwimmbad gehen dürfen, bleibe ich innerlich ein wenig angespannt. Ich vertraue ihnen und ihren Schwimmkenntnissen, aber was ist mit den anderen? Wenn sie gerempelt werden, versehentlich angesprungen werden? Wie bei allen Aktivitäten und bei allen Aspekten des Loslassens, bzw. beim Prozess des Loslassen-Lernens für uns Eltern, brauchen wir immer und überall ein Quäntchen Glück, oder nennen wir es Schutzengel?
Was aber gar nicht geht, ist Kinder, die noch nicht sicher im Wasser sind, auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Ihr wisst es. Es geht so schnell. Einmal kurz umgedreht, um die nasse Badehose aufzuklauben – und schon ist der Zwerg weg.
Und auch wenn ich mich hier wiederhole, man kann es nicht oft genug sagen. Kinder ertrinken lautlos. Sie brüllen nicht, sie rudern nicht mit den Armen wie in Hollywood-Filmen. Sie sinken einfach nach unten. Totstellreflex heißt das Phänomen. So gruselig.
Mehr als zehn Jahre lang hatte ich bei Badeausflügen mindestens einen Nichtschwimmer mit, und oft noch eine erwachsene Betreuungsperson. Ja, es ist verdammt anstrengend. Dennoch verstehe ich nicht, wie man kleine Kinder vor allem am See unbeaufsichtigt am Ufer oder gar im flachen Wasser spielen lassen kann. Am Baggersee in Innsbruck ist das immer wieder Realität.
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