„Meine Hoffnung liegt bei den Jugendlichen“: Überlebende der Shoah sprach im Landhaus
Als kleines Kind überlebte Rozette Kats den Holocaust versteckt bei einer niederländischen Familie, Eltern und Bruder wurden ermordet. Im Tiroler Landhaus sprach sie nun, erstmals in Österreich, als Zeitzeugin. Ihre Geschichte soll auch schon Volksschulkindern vermittelt werden.
Innsbruck – Das Interesse war groß, alle Plätze im historischen Festsaal des Innsbrucker Landhauses waren binnen kürzester Zeit ausgebucht: An ebenjenem Ort, der einst der NS-Gauleitung als Konferenzräumlichkeit diente, sprach am Mittwochabend die niederländische Holocaust-Überlebende Rozette Kats über ihre Familiengeschichte – erstmals öffentlich in Österreich.
Am 27. Mai 1942 in Amsterdam in eine jüdische Familie geboren, kam Rozette im Alter von acht Monaten in die Obhut eines niederländischen Ehepaares, das sie fortan „Rita“ nannte und ihr das Leben rettete. Die Eltern wurden zusammen mit Rozettes Bruder, der noch ein Säugling war, nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Vom Schicksal ihrer Eltern und ihrem wahren Namen erfuhr Rozette kurz vor ihrem sechsten Geburtstag, im Mai 1948. Seit den 1990er Jahren tritt Kats als engagierte Zeitzeugin in niederländischen und deutschen Schulen auf. Nun erzählte sie erstmals auch in Tirol und Österreich von ihrer frühen Kindheit im Versteck, der Ermordung ihrer Familie und der späten Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte.
„Keine Gelegenheit verpassen, Gutes zu tun“
Der Gesprächsabend fand im Zuge von „Tirol erinnert“ und dem Begleitprogramm zur Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“ im Landhaus statt. Möglich wurde er durch eine Kooperation mit dem Programm „erinnern.at“ des OeAD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung) und der Pädagogischen Hochschule Tirol.
„Mir ist es wichtig, jungen Menschen von meinen Erfahrungen zu berichten“, meinte die Zeitzeugin, „um auch aufzuzeigen, wie schlimm es ist, sich verleugnen und verstecken zu müssen. Jeder Mensch, der heute verfolgt wird, hat Anspruch auf unsere Anerkennung und unseren Schutz.“
Und: „Meine Hoffnung liegt bei den Jugendlichen.“ Mit ihrer Geschichte wolle sie bewusst machen, „dass jeder Mensch für seine eigenen Handlungen und Entscheidungen verantwortlich ist. Und dass die Jugendlichen nie eine Gelegenheit verpassen sollten, Gutes zu tun.“
Thema schon für die Volksschule?
Im Vorfeld des Zeitzeuginnengespräch gab es an der PH Tirol eine Fortbildung zur Vermittlung von Nationalsozialismus und Holocaust im Unterricht, an der rund 40 PädagogInnen und Lehramtsstudierende aus ganz Tirol teilnahmen.
Der Hintergrund: Zum Kinderbuch „Damals hieß ich Rita“ (2024), das die Lebensgeschichte der Holocaust-Überlebenden schildert, wurden aktuelle Unterrichtsmaterialien erarbeitet, die auch schon für Volksschulen gedacht sind. Wie damit kindgerecht an ein hochsensibles Thema herangeführt werden kann, vermittelten die Entwicklerinnen der Materialien eben bei der Fortbildung.
Den LehrerInnen sollte die Angst genommen werden, das Thema NS-Zeit anzusprechen, meint Lehrerin Monika Astenwald, die an der Volksschule Angergasse in Innsbruck unterrichtet und an der Fortbildung teilgenommen hat. „Beschäftigt man sich mit den Unterrichtsmaterialien zum Buch ‚Damals hieß ich Rita‘, löst sich schnell die Vorstellung auf, es ginge dabei darum, den kleinen Kindern Schreckmomente und Gräueltaten dieser Zeit zuzumuten.“
Vielmehr sei es ganz wichtig, das Thema so kindgerecht und niederschwellig wie möglich zu thematisieren und damit früh zu beginnen. „Themen wie jemanden verraten, streiten, anders sein, Schwachen helfen und den Mut haben, für andere einzustehen“ seien den Kindern schließlich aus dem täglichen Geschehen in der Klasse bekannt.
Die letzten Zeitzeugen
„Nur noch wenige Überlebende der NS-Herrschaft können aus eigener Erfahrung sprechen oder von jenen Menschen berichten, die im Holocaust ermordet wurden“, sagt Historiker Christian Mathies von der PH Tirol und „erinnern.at“, der Rozette Kats gemeinsam mit Patrick Siegele nach Innsbruck geholt hat. „Umso wertvoller sind Veranstaltungen dieser Art.”
Ausstellung und Buchpräsentation
- Die Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ ergänzt als Sonderpräsentation die Rahmenausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte“ im Landhaus 1.
- Zu sehen ist sie von Montag bis Freitag (9 bis 17 Uhr) im Landhaus 1. Die selbstverfassten Gedichte von Leokadia Justman, erst kürzlich entdeckt, können jeweils freitags von 12 bis 17 Uhr ebenfalls im Landhaus 1 (Festsaal) besichtigt werden (Ausnahmen: 19. und 26. Juni, 18. September, 13. November, 20. November 2026).
- Am Donnerstag, den 28. Mai, wird im Großen Saal des Landhauses der Überlebensbericht von Leokadia Justmans Ehemann Józef Wiśnicki präsentiert, den Niko Hofinger und Dominik Markl unter dem Titel „Mich kriegt ihr nicht!“ (Tyrolia-Verlag) herausgegeben haben. Beginn: 19 Uhr. Anmeldung bis 26. Mai 2026 HIER.
Spektakuläre Neuerscheinung
„Mich kriegt ihr nicht!“ Wie ein polnischer Jude in Vorarlberg und Tirol die NS-Zeit überlebte
Tiroler legt Graphic Novel vor
Den NS-Terror überlebt: Wie die Geschichte von Leokadia Justman zum Comicroman wurde
Zeitzeuge denkt zurück
„Habe sie heiß geliebt“: Emotionale Erinnerungen an Holocaust-Überlebende Leokadia Justman
Sonderausstellung und Buch
Kommentare