Bei lebendigem Leib verbrannt

Vierfach-Mord an ausländischen Erntehelfern in Kalabrien rüttelt Italien auf

Die ermordeten Männer aus Pakistan und Afghanistan hatten auf Erdbeerfeldern in Kalabrien gearbeitet.
© imago/ZUMA

Sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und die Ermordung von vier Migranten in der süditalienischen Agrarbranche sorgen für Entsetzen.

Es sind Bilder einer Überwachungskamera, wie sie überall auf der Welt in Tankstellen hängen. Und es sind Bilder von seltener Brutalität. Zwei Männer, die mit dem Tankstutzen Benzin in einen Minivan pumpen – nicht in den Tank, sondern ins Innere hinein. Dann setzen sie das Auto in Brand und halten von außen die Türen zu. Man sieht, wie das Auto mächtig hin und her schwankt, weil sich die verbliebenen Insassen zu befreien versuchen. Vergeblich.

Dies hat sich am helllichten Tag nahe der 3000-Einwohner-Gemeinde Amendolara abgespielt. Für vier Männer in dem Auto kommt jede Hilfe zu spät: Ismat, Fazal, Waseem und Safi. Alle vier aus Afghanistan und Pakistan. Alle vier als Erntehelfer auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung beschäftigt, zu Billigstlöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Alle vier bei lebendigem Leib verbrannt.

Arbeitsbedingungen schon lange bekannt

In den italienischen Nachrichten laufen die Bilder seit Montag rauf und runter. Bei vielen regt sich wieder einmal das schlechte Gewissen, dass Einwanderer in ihrem Land so beschäftigt werden. Denn dass vor allem in Italiens Süden, wo in großem Stil Obst und Gemüse angebaut wird, die Arbeitsbedingungen mancherorts unmenschlich sind, weiß man längst.

In der Gegend um Amendalora, zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels, werden vor allem Orangen, Mandarinen und Erdbeeren angebaut. Hier weiß jeder, wie Migranten auf den Feldern behandelt werden. Viele von ihnen kommen aus Ländern wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan. Der Stundenlohn beträgt häufig nicht mehr als drei Euro. Alles in allem, so wird geschätzt, arbeiten in Italiens Landwirtschaft mehr als 200.000 Menschen unter solchen Bedingungen.

Viele nennen das moderne Sklaverei. Manche sprechen auch von einer „Landarbeiter-Mafia“, die streng organisiert ist und Verbindungen zur ‘Ndrangheta hat, Italiens mächtigster Verbrecherorganisation, die in Kalabrien beheimatet ist. Um die Anwerbung der ausländischen Billigstlöhner, deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kümmern sich so genannte Capos: häufig ebenfalls Migranten, die es in der Hierarchie etwas nach oben geschafft haben.

So war das offensichtlich auch bei dem Vierfach-Mord. Anhand der Bilder der Überwachungskameras konnten als mutmaßliche Täter zwei Männer aus Pakistan identifiziert werden, die nun in U-Haft sitzen. Belastet werden die beiden auch vom einzigen Überlebenden: Taj Alamyar, 35 Jahre alt, aus Afghanistan und seit ein paar Monaten in Italien. Er saß ebenfalls im Auto, konnte aber das Heckfenster zertrümmern und sich retten.

Für die Fahrt Geld verlangt

Mit schweren Brandwunden an den Händen berichtet Alamyar, dass er zusammen mit den anderen auf einem Matratzenlager in einem kleinen Bauernhaus untergebracht gewesen sei, zu einem Tageslohn von 45 Euro. Eigentlich. Aber: „Wir haben jeden Tag unsere Bezahlung verlangt. Aber sie haben immer eine Ausrede gefunden. Und für die Fahrt zur Arbeit fünf Euro von uns verlangt. Fünf Euro hin, fünf Euro zurück. Zu Hause bekamen wir Brot und Kartoffeln, sonst nichts.“

Am Morgen der Tat habe es wieder Streit gegeben. „Sie haben eine Pistole auf uns gerichtet: ‘Mund halten oder Ihr werdet umgebracht.’“ Dann sei es wieder auf die Felder gegangen. Auf der Rückfahrt sei es erneut zu einem Wortgefecht gekommen, bis die Capos an der Tankstelle angehalten hätten. „Sie wollten uns eine Lektion erteilen. Sie wollen den Landarbeitern hier in der Region klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden.“

Das ist augenblicklich auch die Vermutung der Ermittler: dass ein Exempel statuiert werden sollte. Nach dem Entsetzen über den Vierfach-Mord geht es nun jedoch auch darum, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. In Italien gibt es gegen ausbeuterische Methoden in der Landwirtschaft zwar ein Gesetz. Es drohen hohe Geldstrafen und bis zu acht Jahre Haft. Aber mit der Umsetzung ist es nach vielfacher Meinung nicht weit her.

Der Bestseller-Autor Roberto Saviano („Gomorrha“), der sich schon länger mit den Zuständen in Italiens Landwirtschaft beschäftigt, sagt: „Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Die Marken machen es unmöglich, einen angemessenen Lohn zu bezahlen“, sagte Saviano der Tageszeitung La Stampa. „Bis jemand stirbt. Dann wird eine Kommission eingerichtet. Und dann wird es wieder still.“ (TT, dpa)