„Gefühl der Entwertung“: Massive Kritik an Gutachten der Pensionsversicherung
Begutachtungen der Pensionsversicherung etwa zur Berufsunfähigkeit werden laut Umfrage als „intransparent, belastend und schwer nachvollziehbar“ empfunden.
Die Pensionsversicherung (PVA) steht wegen deren Begutachtungspraxis schon länger unter Beschuss. Eine anonyme Umfrage der Armutskonferenz gemeinsam mit den Vereinen „Chronisch Krank“ und „Lichterkette“ unter mehr als 800 ihrer Mitglieder bekräftigt nun die Kritik. Demnach empfinden viele Betroffene die Verfahren der PVA zur Feststellung von Berufsunfähigkeit als „intransparent, belastend und nur schwer nachvollziehbar“, zitiert die APA aus dem Papier.
Befragt wurden gezielt Betroffene von chronischen Erkrankungen, etwa Narkolepsie, Chorea Huntington, Mitglieder des Stoma-Verbandes, ME/CFS- sowie Morbus-Crohn-Betroffene und andere. Auch von psychischen Erkrankungen Betroffene wurden zur Teilnahme eingeladen.
Viele Vorurteile
Insbesondere die medizinischen Begutachtungen würden häufig als nicht ausreichend erklärbar oder widersprüchlich wahrgenommen. Die Folge sei ein „erheblicher Vertrauensverlust in die Entscheidungsprozesse“. Der Aussage „Ich habe das Gefühl, dass die Begutachtung frei von Vorurteilen war“ stimmte der überwiegende Teil (64,2 Prozent) „überhaupt nicht“ oder „eher nicht“ zu, nur 12,1 Prozent waren hier zufrieden.
Ein wesentliches Defizit bestehe zudem in einer „unzureichenden Würdigung bereits vorliegender Befunde“. Nur 12 Prozent der Befragten erklärten, dass deren medizinische Unterlagen vollständig berücksichtigt wurden.
Darüber hinaus berichteten Betroffene wiederholt, dass sie im Begutachtungsprozess kaum Möglichkeiten hätten, ihre eigene Situation umfassend darzulegen. Nur 11,5 Prozent gaben an, sich während der Begutachtung „respektiert und ernst genommen“ gefühlt zu haben.
„Psychosoziale Belastung“
In dem Papier der Vereine ist auch von „steigenden Ablehnungsquoten“, „langjährigen und häufig wenig erfolgreichen Rehabilitationsmaßnahmen“ sowie einer „systematischen Verlagerung der Betroffenen in andere soziale Sicherungssysteme, wie das Arbeitsmarktservice oder die Sozialhilfe“, die Rede.
Auch verweisen die Vereine auf eine „massive psychosoziale Belastung“. Betroffene würden von großer Angst um ihre wirtschaftliche Existenz berichten. Gleichzeitig verschlechtere sich nicht selten der Gesundheitszustand, begleitet von einem „ausgeprägten Gefühl der Entwertung“ und dem Kampf um die Anerkennung der eigenen Erkrankung. Außerdem würden viele Betroffene durch Ablehnungen und verzögerte Verfahren in eine Armutsfalle geraten.
Unabhängiger Begutachtungsstelle gefordert
Im Papier wird die Notwendigkeit eines „ganzheitlichen Begutachtungsmodells“ betont. Martin Schenk von der Armutskonferenz sagte zur APA, man müsse „weg vom eng medizinischen und defizitorientierten Blick hin zu der Frage, was Menschen können und benötigen“. Die Begutachtung müsse „multiprofessionell sein und auch soziale, pflegerische und alltagspraktische Bedürfnisse berücksichtigen“.
Um all das umzusetzen, brauche es eine von der PVA losgelöste Begutachtungsstelle, so Schenk. „Wenn dieselbe Institution sowohl begutachtet als auch über Leistungen entscheidet, entsteht ein systemisches Problem von Interessen und Kontrolle.“ (APA)
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