Dernière im Treibhaus

Von verlorener Ehre und skrupelloser Sensationsgier

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ist eine 1974 erschienene Erzählung von Heinrich Böll, die sich kritisch mit den Praktiken der Boulevardpresse auseinandersetzt. Die SchülerInnen des Schauspielstudios Artemis ernteten in der provokanten Inszenierung von Hannes Pendl viel Applaus.

Eine beißende Mediensatire haben SchauspielschülerInnen von Artemis der Regie von Hannes Pendl (Artemis-Leitung Innsbruck) insgesamt viermal auf die Bühne des Treibhauses gebracht. In den rund anderthalb Jahren Probezeit davor wurde einstudiert, verworfen, geändert, verfeinert, ergänzt. Heraus gekommen ist ein mutig wie provokantes Pamphlet in nostalgischer 70er Jahre Kulisse, das trotz TV-Würfel statt Flatscreen und Schreibmaschine statt PC aktuell ist. Vielleicht liegt es daran, dass Ähnlichkeiten mit existierenden Personen unvermeidbar waren, wie betont wurde.

Cholerischer Sexist

Heinrich Bölls böser Boulevard-Redakteur Werner Tötges ist in Pendls Inszenierung Chefredakteur und Medienmogul. Der dickbäuchige, cholerische und Kokain konsumierende Chef eines Wiener Fernsehsenders und einer Boulevardzeitung (Sebastian Aigner) vereint so ziemlich alle verachtenswerten Charaktereigenschaften in sich: Korrupt, skrupellos, sexistisch, ausländerfeindlich, sensationsgierig und machtgeil sind nur einige davon.

Das Gegenstück dazu bildet die zarte, hilfsbereite und unbescholtene Haushälterin Katharina Blum (Kristina Raffolt). In einer Partynacht verliebt sich die Ahnungslose in einen vermeintlichen Kriminellen und wird fortan von Tötges Boulevard-Medien als Gangsterbraut verunglimpft. In Form von unlauteren Verhörmethoden, frauenfeindlichen Denunzierungen und aggressivem Revolverblattjournalismus macht ihr der Medienmogul mithilfe eines korrupten Staatsanwalts (Jacob Powl) das Leben zur Hölle.

Bilder von der Dernière

© Angela Dähling

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© Angela Dähling

© Angela Dähling

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© Angela Dähling

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Gemeinsam mit den starken Frauen aus ihrer Verwandtschaft (Bettina Hilber, Gertraud Mair) wehrt sich Katharina Blum gegen ein Imperium, das auch auf dem politischen Parkett an vorderster Front mitspielt. Auf Wunsch des Landeshauptmanns schneit es daher in Tötgens Fernsehsender kräftig bei der Wetterbericht-Liveschaltung nach Innsbruck – auch wenn das Gegenteil, das die Ski-Touristen verschrecken würde, der Fall ist. Tötgens Tod ist ebenso dramatisch wie lustig. So wie vieles in dieser glänzend besetzten Inszenierung, bei der die Vielseitigkeit der (zweistöckigen) Bühne gekonnt eingesetzt wurde. Das Treibhaus-Publikum war begeistert.

Die Mitwirkenden

Schauspiel: Kristina Raffolt, Sebastian Aigner, Jacob Powl, Bettina Hilber, Gertraud Mair, Robert Spindler, Kira Rieder, Natascha Mariacher, Iva Borozan, Octavio Robles, Emina Murselovic-Ceranic, Sebastian Dobner

Musik: Elias Huemer (Piano), Stefan Krimbacher (Akkordeon), Tamara Scheiber (Gesang)

Regie, Ausstattung u. Bearbeitung: Hannes Pendl