Menschen im Fokus

Was Gewalt mit einer Gesellschaft macht: Neue Ausstellung ohne Kriegsjubel

Die neue Dauerausstellung präsentiert sich reduziert und luftig. Ihrer Vorgängerin war u.a. fehlende Distanzierung zum Militarismus vorgeworfen worden.
© Joanna Pianka

Das Heeresgeschichtliche Museum (HGM) in Wien reagierte auf Kritik und überzeugt nach drei Jahren Entwicklungszeit mit einer neuen, beeindruckenden Dauerausstellung zum Thema Krieg.

Ein neues Farbdesign, viel Raum für Vertiefung und eine gekippte Dollfuß-Couch: Am Donnerstag eröffnete das Heeresgeschichtliche Museum (HGM) im Wiener Arsenal die Ausstellung „Gewalt – Gesellschaft. Österreich im Zeitalter der Weltkriege 1918 bis 1955“. Sie löst die stark in die Kritik geratene Vorgängerin „Republik und Diktatur“ ab. „Gewalt – Gesellschaft“ ist eine stark reduzierte Schau, die auf die Erkundung von Gewalt aus verschiedensten Perspektiven setzt.

Das HGM wird moderner

Für Direktor Georg Hoffmann ist die Eröffnung der neuen Dauerausstellung ein wesentlicher Meilenstein in der Reform des Hauses, das er vor drei Jahren von M. Christian Ortner übernommen hat. Schließlich wurde von den beiden Kuratoren Niko Wahl (extern) und Thomas Edelmann (HGM) nicht nur an der Neuaufstellung gearbeitet, sondern Hoffmann setzte wirtschaftliche, strukturelle und infrastrukturelle Maßnahmen. So stieg die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von 75 auf 104, der Frauenanteil in Leitungspositionen von 15 auf 42 Prozent und die Anzahl der Vermittlungsprogramme von 2185 auf 2709 Veranstaltungen.

Für HGM-Direktor Georg Hoffmann ist die neue Dauerausstellung Teil des Modernisierungskurses des Museums.
© Joanna Pianka

Das war es dann aber mit den Steigerungen: In „Gewalt Gesellschaft“ setzt man auf radikale Reduktion. Über 900 Objekte hatten sich in der alten Ausstellung, die über die Jahre immer wieder erweitert und deren mangelnde Kontextualisierung von Experten kritisiert wurde, angesammelt.

Nunmehr treffen die Besucher auf 154 Objekte, davon 85 Fotos und Dokumente. Hinzu kommen 32 audiovisuelle, teils interaktive Medienstationen. Eingebettet ist diese luftige Präsentation von fast 40 Jahren Geschichte in sechs Kapiteln in die betont reduzierte Ausstellungsgestaltung von Marc Schuran und Virgil Widrich. Im Zentrum der Halle findet sich eine lange, in Signalorange gehaltene Sitzbank, die zum Verweilen und Lesen einlädt, während die Wände in einem zurückhaltenden Olivgrau gehalten sind, das je nach Lichtsituation zwischen grau und braun changiert.

Apropos: Recht dunkel ist das kühle Licht gehalten, das den Blick auf die Objekte lenkt, weil Schatten als Teil der Inszenierung verstanden wird. Die Objektbeschreibungen sind ebenso wie jene Tafeln mit insgesamt 42 Biografien, die auch persönliche Geschichten im Rahmen der Geschichte greifbar machen sollen, in gebürstetem Metall gehalten. Je nach Lichtsituation führt das zu Spiegelungen.

Fokus auf den Menschen

Dass der Fokus hier stark auf jenen Menschen liegt, die die titelgebende Gesellschaft bilden, wird bereits beim Betreten der Ausstellung deutlich: Auf einer Wand werden Fotos von jenen Menschen (Opfer, Täter, Widerstandskämpfer und Mitläufer) gezeigt, deren Geschichten hier (auch) erzählt werden sollen.

Persönliche Akzente in der Ausstellung: Tagebuch aus der Zeit des zweiten Weltkriegs.
© HGM/Weghaupt

„Wir fragen nicht nur, wie Kriege geführt wurden, sondern wie Gesellschaften in Gewalt geraten“, erläuterte Hoffmann beim Rundgang für die Presse vor der Ausstellungseröffnung.

Wir fragen nicht nur, wie Kriege geführt wurden, sondern wie Gesellschaften in Gewalt geraten
Georg Hoffmann, HGM-Direktor

Die betreffenden Jahrzehnte würden zeigen, „dass Krieg, Diktatur und Verfolgung nicht plötzlich entstehen. Sie wachsen dort, wo demokratische Institutionen geschwächt, Menschen ausgegrenzt und Gewalt schrittweise normalisiert wird.“ Wie fragil diese Gesellschaft nach Ende des Ersten Weltkriegs tatsächlich war, erkundet man im ersten Kapitel „Verwundete Gesellschaft“.

Die historische Sitzbank

Die erste Vitrine ist drei Büsten gewidmet: Kaiser Karl I. blickt in die Ferne, auf ihm ruht der Blick von Karl Seitz, dem ersten Staatsoberhaupt der jungen Republik. Der dritte im Bunde ist die Gipsskulptur eines kriegsversehrten Soldaten. Ende steht neben Neuanfang, daneben der hohe Preis, den diese Wende gekostet hat. Passend dazu etwa ein Haufen nutzlos gewordener Orden und Abzeichen oder ein Filmausschnitt von der Ausrufung der Ersten Republik.

Orden aus der Monarchie, nutzlos geworden.
© Joanna Pianka

Auf das Kapitel „Gewalt auf der Straße“, das verschiedene Uniformen, Plakate und Propaganda versammelt, folgt die Auseinandersetzung mit dem „autoritären Staat“, in dem die Gewalt der verschiedenen Lager eskalierte. Exemplarisch für die Militarisierung der Gesellschaft stehen verschiedene Uniformen paramilitärischer Organisationen und das Maschinengewehr Schwarzlose M1907/12. Auch jene Sitzbank, auf der Engelbert Dollfuß nach dem nationalsozialistischen Putschversuch im Juli 1934 gestorben sein soll, findet sich als eines der wenigen Objekte aus der alten Ausstellung hier wieder.

Den richtigen Kontext finden

Mit der Frage, wie man ein Objekt wie dieses im heutigen kuratorischen Kontext zeigen könne, habe man sich lange beschäftigt, erklärten die Kuratoren. Geworden ist es nun eine Neigung, bei der man unweigerlich an die ebenfalls vor kurzem präsentierte Kippung des Lueger-Denkmals denken muss – darauf habe man aber nicht Bezug genommen, hieß es von den Kuratoren.

Über „Österreich im Nationalsozialismus“ (hier werden etwa Fluchtgeschichten aufgearbeitet) geht es in das wohl schwierigste Kapitel „Krieg und Verbrechen“: Um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen, Holocaust, Besatzungsterror und Widerstand zu erkunden, müssen auf einer mehrere Meter langen Wand Schubladen aufgezogen werden, in denen auf Displays durchaus explizites Foto- und Videomaterial zu sehen ist, das durch Interviews auch akustisch eingeordnet wird.

Einladung zur Vertiefung

Im Rücken finden sich in Vitrinen ausgewählte Kleidungsstücke von Opfern wie Tätern, die einem über die Schulter zu schauen scheinen.

Was nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelungen war – der Aufbau einer stabilen demokratischen Ordnung – steht im Fokus des letzten Kapitels „Ende – Anfang – Weiterleben“. Anhand persönlicher Erinnerungen, Fotoalben und späten Formen des Gedenkens zeichnet man eine Nachkriegszeit zwischen Staatsvertrag und Wiederaufbau, aber auch der Nachwirkung von Gewalt. Man steht am Ende einer Schau, die alles andere ist als „analytische Heereskunde“ (Kurator Edelmann). Statt von unendlich vielen Objekten erschlagen zu sein, hat sich der Raum dazwischen angefüllt. Und er lädt dazu ein, sich immer wieder neu zu vertiefen. Für den nächsten Wien-Besuch sehr zu empfehlen. (TT, APA)