Für robustere Pflanzen

Gentechnik im Supermarkt: EU schwächt Regeln ab

Das EU-Parlament hat am Mittwoch die umstrittenen neuen EU-Regelungen zur Neuen Gentechnik (NGT) in der Pflanzenzüchtung abgesegnet – die Regelung kann damit in Kraft treten.
© APA/Techt

Mit modernen Gentechnikverfahren veränderte Lebensmittel dürfen in der EU künftig ohne spezielle Kennzeichnung im Supermarkt verkauft werden. Die Landwirtschaft lobt die Neuerungen, doch auch die Kritik ist laut.

Das EU-Parlament hat am Mittwoch die umstrittenen neuen EU-Regelungen zur Neuen Gentechnik (NGT) in der Pflanzenzüchtung abgesegnet. Da die EU-Länder bereits zugestimmt hatten, kann die Regelung nun in Kraft treten. Sie wird voraussichtlich ab Mitte 2028 gelten.

Vorgesehen ist, dass einige neue genomische Verfahren nicht mehr unter die strengen Regeln für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) fallen sollen. Gentechnik-Skeptiker lehnen die Lockerungen ab, insbesondere die fehlende Kennzeichnungspflicht.

Im Agrarsektor fanden die Regeln hingegen Zustimmung. Die Wortmeldungen im Parlament vor der Abstimmung zeigten aber, dass die Meinungen noch weit auseinanderliegen. Einige Parlamentarier bezeichneten den vorliegenden Kompromiss als nicht akzeptabel und als Ergebnis der Lobbyarbeit von großen Agrarkonzernen. Andere hingegen betonten den guten Kompromiss, der mit den EU-Ländern gefunden worden war, und appellierten für die Annahme. Alle eingebrachten Änderungsanträge am Text wurden abgelehnt.

Österreich für Kennzeichnungspflicht

Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) hatte bei den Treffen mit seinen EU-Amtskolleginnen und -kollegen immer die klare Position Österreichs bei der Gentechnik betont, nämlich für Wahlfreiheit und für eine Kennzeichnungspflicht. Er hatte etwa Befürchtungen geäußert, dass durch die ursprünglichen Vorschläge der Kommission große Konzerne begünstigt und die vergleichsweise kleinstrukturierte Land- und Saatgutwirtschaft bedroht werden könnte.

Genschere Crispr/Cas einfacher zu verwenden

Neue Mutationsverfahren wie die Genschere Crispr/Cas sollen laut Einigung künftig einfacher zum Einsatz kommen und damit bearbeitete Pflanzen nicht mehr als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden.

Die Methode ist eine revolutionäre molekulare Gen-Schere, mit der sich Erbgut, die DNA, extrem präzise, einfach und kostengünstig schneiden und verändern lässt.

Ziel der Deregulierung in Europa ist unter anderem, gegen Wassermangel oder Schädlinge widerstandsfähigere Gewächse zu züchten.

Verfahren mit nicht kreuzbaren Arten, Transgenese genannt, fallen aber weiterhin unter die bestehenden, strengeren Gentechnik-Verordnungen.

Größter Streitpunkt unter den EU-Ländern war, ob es Patente auf die neuen Sorten geben soll. Die Mehrheit der EU-Länder setzte das durch. Informationen über bestehende oder anhängige Patente sollen in einer öffentlich zugänglichen Datenbank hinterlegt werden.

Bernhuber: Österreich kann gentechnikfrei bleiben

ÖVP-EU-Abgeordneter und Agrarsprecher Alexander Bernhuber betonte im Pressegespräch in Straßburg, dass Österreich auch „weiterhin den Weg der Gentechnikfreiheit gehen könnte“. Zudem sei zu bedenken, wenn „hitzig diskutiert“ werde über den Einsatz von weniger Pflanzenschutzmitteln, dass man sich diese vielleicht sparen könne, wenn „man das eine oder andere Gen verändert“.

Auch die „Sorgen der Biolandwirtschaft“ seien „gehört“ worden, betont der studierte Landwirt: „Alles, was da unter neuer Gentechnik geregelt wird, darf nicht im Bio-Bereich eingesetzt werden“.

Wo Gentechnik drinnen ist, muss auch Gentechnik draufstehen. Mit diesem Grundsatz wird nun aber gebrochen.
Günther Sidl, SPÖ-EU-Abgeordneter

Der grüne EU-Delegationsleiter Thomas Waitz sieht den abgestimmten Kompromiss hingegen kritisch. „Eine Kennzeichnung ist nur noch für Saatgut vorgesehen", für jedes Folgeprodukt dann jedoch nicht mehr, womit etwa beim Kauf von Lebens- oder Futtermitteln nicht mehr ersichtlich wäre, ob NGT dahinter stecken oder nicht, erklärte er kürzlich gegenüber der APA.

Laut Waitz setzt die geplante Patentierbarkeit einerseits Pflanzenzuchtbetriebe unter Druck, die ohne genomische Techniken arbeiten, während die wenigen, global agierenden Großkonzerne der Branche die Gewinner dieser Regelung wären.

SPÖ sieht Grundsatz gebrochen

Ablehnend äußerte sich auch der SPÖ-EU-Abgeordnete Günther Sidl, der den Beschluss scharf kritisierte: „Wo Gentechnik drinnen ist, muss auch Gentechnik draufstehen. Mit diesem Grundsatz wird nun aber gebrochen.“ Durch die verabschiedeten Änderungen werde es für Konsumenten schon bald nicht mehr nachvollziehbar sein, ob neue Gentechnik in Lebensmitteln steckt oder nicht. Sidl kritisierte zudem auch die Patentregelungen für NGT.

Greenpeace befürchtete in einer Aussendung „eine wahre Lawine von patentiertem Saatgut“, womit auch bei uns „amerikanische Verhältnisse mit einer noch viel stärkeren Abhängigkeit von Bäuerinnen und Bauern von internationalen Saatgut-Konzernen“ drohen würden. Ein Lichtblick sei jedoch, dass der Bio-Sektor garantiert Gentechnik-frei bleibe.

Global 2002 für Gang zum EuGH

Florian Faber, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands ARGE Gentechnik-frei, sieht die „eindringlichen Warnungen vor einer regel- und kontrollfreien Neuen Gentechnik“ durch die Entscheidung nicht berücksichtigt. „Ob sich der Europäische Gerichtshof künftig mit der Verordnung befassen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass zahlreiche rechtliche bzw. auch haftungsrelevante Fragen weiterhin völlig ungeklärt sind“, so Faber in einer Aussendung. Die freiwillige „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung bleibe jedenfalls auch in Zukunft erhalten.

Global 2000 sprach sich indes für einen Gang zum EU-Gerichtshof aus: „Österreich soll nun alle rechtlichen Schritte einleiten und eine Klage vor dem EuGH unterstützen, um gegen diese verfehlte Politik vorzugehen“, so Alexandra Strickner, Geschäftsführerin der NGO. Mit dem Wegfall der Kennzeichnungspflicht und durch die Möglichkeit Eigenschaften zu patentieren, die auch durch natürliche Mutationen entstehen können, würden wenige Großkonzerne „Kontrolle über Europas Lebensmittelversorgung erlangen". (APA)

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