Starke Erdbeben in Venezuela: Tausende Todesopfer befürchtet
Caracas – Bei zwei schweren Erdbeben in Venezuela sind mindestens 164 Menschen gestorben. Fast 1.000 Menschen seien verletzt worden, sagte Venezuelas amtierende Präsidentin Delcy Rodriguez. Experten gehen von deutlich höheren Opferzahlen aus. Bei den Erdstößen der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwochabend Ortszeit wurden demnach rund 30 Nachbeben registriert. Zahlreiche Gebäude stürzten ein. Rettungskräfte suchten in den Trümmern nach Überlebenden und weiteren Opfern.
Die beiden Erschütterungen ereigneten sich am Mittwochnachmittag an einem Feiertag, als sich viele Venezolaner zu Hause aufhielten. Die Übergangspräsidentin rief den Ausnahmezustand aus. Einer Modellrechnung der US-Erdbebenwarte USGS zufolge könnte die Zahl der Toten in die Tausende gehen; eine Zahl von mehr als 10.000 Toten sei wahrscheinlich. Nach den Worten von Rodríguez waren am Donnerstag von den Vereinten Nationen koordinierte Rettungsteams auf dem Weg in das südamerikanische Land.
Dutzende Menschen lebend geborgen
Dutzende Menschen sind bereits lebend geborgen worden, darunter zwei verletzte Kleinkinder im Bundesstaat La Guaira, deren Mutter noch vermisst wird, wie Fernsehsender berichteten. Die erfolgreichen Bergungen lösen an vielen Orten Beifall bei den Nachbarn und Angehörigen aus, wie Fernsehbilder zeigten. Die bisherigen Opferzahlen enthielten noch keine Daten aus dem besonders schwer betroffenen Bundesstaat La Guaira nahe Caracas. Die Lage dort sei eine "wahre Tragödie", die Region habe sich in ein Katastrophengebiet verwandelt, sagte Rodríguez.
Dort liegt zudem der Flughafen der Hauptstadt. Dessen Schließung erschwerte die Hilfsmaßnahmen. "Dutzende Gebäude sind eingestürzt, und wir arbeiten derzeit unter Hochdruck an der Rettung von Menschen", sagte Rodriguez. Eine von der Opposition im Ausland eingerichtete Website zur Suche nach Vermissten listete am Donnerstag gegen 2.00 Uhr Ortszeit mehr als 6.600 Menschen auf, deren Verbleib ungeklärt war.
Rund 750 Österreicherinnen und Österreicher im Land
Laut dem Außenministerium leben rund 750 Österreicherinnen und Österreicher in Venezuela. Bisher gebe es keine Informationen über Betroffene, hieß es auf Anfrage der APA. Alle Auslandsösterreicher wurden noch in der Nacht kontaktiert. Seit Jänner gibt es bereits eine Reisewarnung für das gesamte Land.
Nach Angaben der USGS ereignete sich am Mittwoch zunächst ein Beben der Stärke 7,2 rund 160 Kilometer westlich von Caracas. 39 Sekunden später folgte ein zweites Beben der Stärke 7,5, berichtete auch der Österreichische Erdbebendienst der Geosphere Austria. Eine Tsunami-Warnung wurde nach kurzer Zeit wieder aufgehoben. Nachbeben erschütterten die Region bis in den Donnerstag hinein. Es ist in den nächsten Tagen mit starken Nachbeben zu rechnen, warnte auch die Geosphere.
Der Erdbebendienst USGS gab Alarmstufe Rot bezüglich Todesfällen und wirtschaftlicher Verluste infolge von Erdbeben. Es ist mit einer hohen Zahl von Opfern und erheblichen Schäden zu rechnen, und die Katastrophe dürfte sich über ein großes Gebiet erstrecken.
EU und Trump boten Hilfe an
Die EU hat Venezuela ihre Hilfe angeboten. Das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus sei aktiviert worden "und wir sind bereit, unsere Unterstützung weiter zu verstärken", erklärte die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, am Donnerstag im Onlinedienst X. Von der EU finanzierte Partner leisteten bereits vor Ort Hilfe, fügte sie hinzu. Copernicus kann bei Naturkatastrophen schnell Satellitenaufnahmen liefern und Rettungskräften so bei der Einschätzung der Lage helfen.
US-Präsident Donald Trump bot Venezuela Unterstützung an. Die beiden schweren Erdbeben seien von gewaltigem Ausmaß und hätten zu einer verheerenden Zahl von Todesopfern geführt. Die USA seien bereit und in der Lage zu helfen. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist extrem angespannt; Trump hatte im Jänner angeordnet, den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gewaltsam festnehmen zu lassen. "Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein", schrieb Trump nun. Weiter erklärte er in Bezug auf das wahrscheinliche Ausmaß der Folgen: "Die ersten Berichte sind nicht gut!!!"
Übergangspräsidentin Rodríguez telefonierte nach eigenen Angaben mit US-Außenminister Marco Rubio. Er habe dabei "Solidarität und Unterstützung für das venezolanische Volk in diesen für unsere Nation schwierigen Zeiten zum Ausdruck gebracht", erklärte Rodríguez am Donnerstag im Onlinedienst X. Venezuela sei dankbar für die Solidaritätsbekundung der USA.
📽️ Video | Viele Menschen verschüttet
Rubio hatte zuvor die sofortige Entsendung von US-Rettungskräften angekündigt. "Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes", erklärte der US-Außenminister auf X. Auf Anweisung von Präsident Donald Trump würden unverzüglich Such- und Rettungsmannschaften, medizinische Ressourcen und humanitäre Hilfe in das südamerikanische Land gesandt.
Zudem boten andere Staaten wie Brasilien, Spanien, El Salvador und die Dominikanische Republik Hilfe an. Auch Indien und China boten ihre Hilfe an. Der indische Premierminister Narendra Modi erklärte, Indien sei bereit, "jede nur mögliche Hilfe zu leisten". Der chinesische Außenamtssprecher Guo Jiakun sagte, China wolle "entsprechend den Bedürfnissen" Venezuelas helfen.
Stromausfall könnte Rohölproduktion beeinträchtigen
"Als wir nach draußen liefen, sah es aus wie in einem Horrorfilm", sagte eine Anrainerin in Caracas. Eine andere Augenzeugin berichtete, sie habe kurz vor den Erschütterungen eine Warnung auf ihrem Mobiltelefon erhalten. "Als ich es in die Hand nahm, spürte ich zuerst ein leichtes Zittern. In weniger als zwei Sekunden fing dann alles an, sich zu bewegen."
In den Krankenhäusern der Hauptstadt stellte sich das Personal am Donnerstag auf die Versorgung zahlreicher Verletzter ein. In Caracas fällt der Schulunterricht für den Rest der Woche aus. Die Börse blieb geschlossen und soll für die Koordinierung der Rettungsarbeiten genutzt werden. Das Rote Kreuz in Venezuela teilte mit, seine Zentrale sei schwer beschädigt worden. Auch die französische Botschaft erlitt erhebliche Schäden.
Die Schlüssel-Infrastruktur der Ölindustrie des Landes schien von den Beben zunächst nicht betroffen zu sein. Der Katastrophenschutz in Maracaibo nahe dem bedeutenden Ölzentrum am Maracaibo-See meldete keine Schäden. Zudem blieb die El-Palito-Raffinerie nahe dem Epizentrum offenbar unbeschädigt. Ein längerer Stromausfall könnte Insidern zufolge jedoch die Rohölproduktion beeinträchtigen. Das venezolanische Ölministerium, der staatliche Ölkonzern PDVSA und dessen wichtigster ausländischer Partner Chevron äußerten sich zunächst nicht.
Venezuela in seismisch aktiver Zone
Venezuela liegt in einer seismisch aktiven Zone, in der die Karibische und die Südamerikanische Platte aufeinandertreffen. Die Hauptstadt Caracas war 1967 von einem schweren Erdbeben der Stärke 6,3 getroffen worden. Im Jahr 1812 starben bei einem verheerenden Beben in Caracas und Merida schätzungsweise 30.000 Menschen.
Das Erdbeben der Stärke 7,5 in Venezuela ist nach Angaben der geologischen US-Behörde USGS das Heftigste in dem südamerikanischen Land seit mehr als einem Jahrhundert. Ein noch stärkeres Beben der Stärke 7,7 gab es zuletzt im Jahr 1900 nordöstlich der Hauptstadt Caracas vor der Küste Venezuelas, wie aus Daten der Organisation hervorgeht. 21 Todesopfer wurden den Angaben zufolge damals registriert, zahlreiche Gebäude stürzten ein. In der Folge sei es zu mehr als 250 Nachbeben gekommen, weshalb viele Bewohner der Region monatelang im Freien lebten. (APA/dpa/Reuters)