Zahlreiche Häuser eingestürzt

Doppel-Erdbeben in Venezuela: Mehr als 1400 Tote und 50.000 Vermisste

Teils wurden ganze Straßenzüge von Hochhäusern dem Erdboden gleichgemacht.
© AFP/Valenzuela

Die Zahl der Toten nach der Erdbebenkatastrophe in Venezuela ist auf 1.430 gestiegen. Mehr als 3.200 Menschen seien verletzt worden, teilte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, am Samstag mit. Nach den Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwoch habe es 430 Nachbeben gegeben. Mehr als 70.000 Familien seien nach der Katastrophe von den Behörden mit Hilfe unterstützt worden. Landesweit werden nach UNO-Angaben mehr als 50.000 Menschen vermisst.

Das Doppel-Beben hatte sich am Mittwoch im Abstand von nur 39 Sekunden westlich von Caracas ereignet. Zahlreiche Gebäude stürzten ein oder wurden schwer beschädigt. Teils wurden ganze Straßenzüge von Hochhäusern dem Erdboden gleichgemacht. Die Hoffnung, noch Überlebende in den Trümmern zu finden, schwindet zunehmend. Der Badeort La Guaira an der venezolanischen Karibikküste ist besonders schlimm betroffen und wurde von der Regierung zum Katastrophengebiet erklärt. Seit Freitagabend war der Zugang eingeschränkt, wie Innenminister Diosdado Cabello verkündete.

Die Regierung hat die Region im Norden des Landes militarisiert. Die Streitkräfte hätten die Kontrolle übernommen, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Arbeit der Rettungskräfte zu erleichtern, sagte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez wurde am Freitag in einem beschädigten Stadtteil der Hauptstadt Caracas ausgebuht.

Kaum Chance auf Überlebende in Trümmern

Von einer Wohnanlage in La Guaira, die aus vier Hochhäusern mit hunderten Wohnungen bestand, ist nur Schutt übriggeblieben. Die Häuser seien "vollständig" eingestürzt, sagte der Leiter eines chilenischen Rettungsteams, Nadiomar Polanco. Es bestehe "kaum eine Chance, noch Menschen lebend zu finden". Sein Rettungsteam, das zuerst an dem Unglücksort eingetroffen war, berge nun die Toten.

Andernorts suchten Menschen mit bloßen Händen und einfachen Werkzeugen nach verschütteten Familienmitgliedern, Nachbarn und Freunden. Männer schlugen mit Vorschlaghämmern auf Betontrümmer ein und baten zwischendurch immer wieder um "absolute Stille", um Hilferufe von Überlebenden hören zu können. Weil es kaum schweres Gerät gibt und die venezolanischen Behörden kaum Hilfe leisten, kommt die Suche quälend langsam voran.

"Ich suche meinen kleinen Gael, er war erst fünf Monate alt", berichtete die 40-jährige Marjosly Salazar, die auch ihre 16-jährige Tochter verloren hat. "Bitte, wir brauchen hier Unterstützung", klagte die verzweifelte Mutter. "Wir brauchen Maschinen, um Pfeiler anheben zu können. Wir haben hier keine Behördenvertreter gesehen, keinen einzigen."

Viele freiwillige und professionelle Helfer

Die Suche in Schutt und Trümmern wird unermüdlich unter schwierigen Bedingungen fortgesetzt. Allerorts beteiligen sich Anwohner und freiwillige Helfer neben den professionellen Einsatzkräften.

Der Einsatz internationaler Rettungsteams nach den Erdbeben in Venezuela hat zwar die Suche nach Überlebenden beschleunigt, für Angehörige von Vermissten aber zum Teil auch traurige Gewissheit gebracht. Nach Erkundungsarbeiten schlossen etwa mexikanische Rettungskräfte in einem eingestürzten Gebäude im Stadtbezirk Chacao der Hauptstadt Caracas die Möglichkeit aus, dort noch lebende Menschen zu finden.

Kritik an Übergangspräsidentin

Auch in einem wohlhabenden Stadtviertel von Caracas schlug Übergangspräsidentin Rodríguez am Freitag Verzweiflung und Wut über die mangelnde Hilfe entgegen. "Raus, raus", riefen Bewohner und Angehörige von Verschütteten, als Rodríguez das Katastrophengebiet besuchte. Sie warfen ihr vor, "nichts für das Volk" zu tun und aus der Katastrophe stattdessen politisches Kapital schlagen zu wollen.

Wie das UNO-Büro für humanitäre Angelegenheiten (Ocha) erklärte, waren inzwischen Rettungsteams aus mindestens 17 Ländern unterwegs in die Krisenregion oder bereits dort eingetroffen, unter anderem aus Spanien, El Salvador, Kolumbien, Mexiko und der Schweiz.

Rodríguez sagte am Freitag, sie habe einen Anruf von US-Präsident Donald Trump und US-Außenminister Marco Rubio erhalten. Sie hätten zugesagt, "die Hilfsmaßnahmen zu unterstützen, indem sie Rettungskräfte, Spezialausrüstung, Unterstützung für Notunterkünfte und humanitäre Hilfe für die betroffenen Familien" bereitzustellen.(APA/AFP)