Serie Tiroler Sportlerinnen

Ellbogen, Zusammenhalt und Familie: Innsbrucks Rugby-Frauen brechen Klischees

© Women's Rugby Club Innsbruck

Rugby gilt mancherorts oft noch als Randsportart für harte Männer. Beim Women’s Rugby Club Innsbruck beweisen die Spielerinnen jedoch Tag für Tag das Gegenteil. Für sie ist der Kontaktsport kein stumpfes Tackeln, sondern eine eingeschworene Gemeinschaft, die weit über den Spielfeldrand hinausgeht. SchülerInnen der MS Kettenbrücke rücken Rugby in den Fokus.

Interview geführt von Paulina Falkenstetter-Auer, Flora Auer, Emma Schwamberger, Emma Parasiliti Provenza und Lea Gruber, Text verfasst von Caroline Astl, Mathea Fankhauser und Emma Schwamberger

Innsbruck – „Rugby ist nicht nur ein Sport, sondern eine große Familie“, bringt es Anna Haslwanter auf den Punkt. Die 32-jährige Ötztalerin, die im Alltag als Lehrerin arbeitet, schnürt seit vier Jahren gemeinsam mit ihrer Münchner Teamkollegin Caroline die Rugby-Schuhe in der Tiroler Landeshauptstadt. Gemeinsam mit einer Spielgemeinschaft aus Bayern mischen sie mittlerweile in der ersten und zweiten deutschen Bundesliga mit. Dass aus dem harten Training im Innsbrucker Verein einmal tiefe, fast geschwisterliche Beziehungen entstehen würden, hätte Anna anfangs selbst nicht geglaubt. Man unterstützt sich bedingungslos – auf dem Rasen wie im Alltag.

Dabei ist Rugby ein intensiver Vollkontaktsport. Wer erfolgreich passen und tackeln will, braucht nicht nur eine ausgewogene Ernährung und unzählige Stunden im Kraftraum, sondern vor allem die richtige Technik. „Besonders beim Tackeln kann mit falscher Technik schnell etwas schiefgehen“, wissen die Athletinnen.

SchülerInnen machen Frauen im Sport zusammen mit der TT sichtbarer

Mit ihren Projekt „playfair_playequal“ zeigen die 27 SchülerInnen der 4c-Klasse der Mittelschule Kettenbrücke die Ungleichheiten in der Sportberichterstattung auf und liefern dafür auch selbst recherchierte und verfasste Berichte für die Tiroler Tageszeitung. In den kommenden Wochen, bis zum Schulende im Juli, werden ihre Porträts aus verschiedenen Sportarten nun veröffentlicht. Mehr über ihr Projekt auf Instagram

Die Kooperation entstand im Rahmen des Tages des Lokaljournalismus, der am 5. Mai von zahlreichen Verlagen im deutschsprachigen Raum auf die Bedeutung der Berichterstattung vor Ort hingewiesen hat. Lokales ist nah, relevant und unverzichtbar und wir wollen Geschichten erzählen mit vielen Menschen vor Ort, die unsere Städte und Gemeinden lebendig machen.

Wie intensiv der Sport ist, musste Anna am eigenen Leib erfahren: Schon nach drei Wochen im Training brach sie sich eine Rippe. Abhalten ließ sie sich davon nicht – die Faszination hatte sie längst gepackt. Caroline, die zuvor 16 Jahre lang leistungsorientiert Fußball spielte, fand über ein Auslandsjahr zum Rugby. Als sie nach ihrer Rückkehr in Innsbruck verletzungsbedingt mit gebrochenem Fuß pausieren musste, zeigte sich der wahre Teamgeist: „Ist egal, du kommst trotzdem vorbei. Es geht nicht darum, dass du sofort alles geben kannst“, hieß es aus der Mannschaft. Statt vollem Einsatz auf dem Feld gab Caroline eben 100 Prozent am Spielfeldrand und wurde so schon vor ihrem ersten Match ein fester Teil des Gefüges.

© Women's Rugby Club Innsbruck

Doch was macht eine gute Rugbyspielerin abseits von Muskelmasse und Schnelligkeit aus? „Eine gute Kommunikation auf und neben dem Platz“, betont Mitspielerin Valerie. Da Rugby ein intensiver Teamsport ist, dürfe man außerdem „nicht konfliktscheu sein“. Für Teamkollegin Lena steht das Reden im Sport wie im Leben an oberster Stelle: „Das bringt einen schon ein ganzes Stück weiter“.

Der größte Pluspunkt des Sports ist seine gelebte Diversität: „Egal, ob du 1,80 Meter oder 1,60 Meter groß bist, ob du schmal oder breiter gebaut bist – im Rugby hat jede Körperform ihre feste Position und wird gebraucht“, erklärt Caro. Das zieht Sportlerinnen aus den unterschiedlichsten Disziplinen an. Während Kristin bereits seit 13 Jahren Rugby spielt und internationale Erfahrung in Portugal, Polen und Deutschland sammelte, wechselte die 19-jährige Eva erst kürzlich vom klassischen Tiroler Einzelsport – dem Biathlon und Skibergsteigen – zum Innsbrucker Kollektiv.

Ergänzt wird das Team von Spielerinnen wie Lena, die durch ihren Mitbewohner inspiriert wurde, und Valerie, die bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr mit ungebrochener Freude dabei ist. Für beide steht der Spaß im Vordergrund, auch wenn sie betonen: „Ein Kinderspiel ist es trotzdem nicht. Die richtige Mentalität ist alles.“

Dass der Teamgeist in Innsbruck einzigartig ist, zeigt sich an ihren Ritualen. Die Innsbruckerinnen sind in der Liga als absolute „Partymannschaft“ bekannt. Statt starrem Aufwärmen dröhnen vor dem Spiel Songs aus den Boxen, zu denen das gesamte Team tanzt, um sich mental einzustimmen und den Spaß in den Vordergrund zu rücken. Der Erfolg gibt ihnen recht: Vor zwei Jahren feierte der Women’s Rugby Club Innsbruck bei einem emotionalen Heimturnier den ersten Turniersieg der Vereinsgeschichte.

© Women's Rugby Club Innsbruck

Gefragt nach den Unterschieden zum Männer-Rugby, verweisen die Innsbruckerinnen auf die interne Dynamik. „Wir Frauen haben oft ein Stück weit mehr Feingefühl füreinander“, glaubt Valerie. Dennoch sieht sich der Verein als geschlossene Einheit, in der Sexismus keinen Platz hat. Das Männerteam der Innsbrucker erweist sich dabei als starker Verbündeter. „Wir haben ganz starke, coole Feministen bei unseren Männern, die uns Frauen extrem unterstützen und sofort für uns eintreten, wenn es Angelegenheiten zu klären gibt“, freut sich Anna.

Wir haben ganz starke, coole Feministen bei unseren Männern, die uns Frauen extrem unterstützen und sofort für uns eintreten, wenn es Angelegenheiten zu klären gibt.
Anna

Inspiriert von internationalen Vorbildern wie der neuseeländischen Rugby-Legende Portia Woodman oder der US-Amerikanerin Ilona Maher blicken Innsbrucks Rugby-Frauen voller Tatendrang in die Zukunft.

Dass Rugby nach wie vor eine Männerdomäne ist, spüren die Innsbruckerinnen im Alltag abseits des Platzes. Mit Vorurteilen und Klischees werden sie regelmäßig konfrontiert, obwohl das Team sportlich auf höchstem Niveau agiert. „Man wird oft belächelt und hört Sprüche wie: ‚Du spielst Rugby? Das kann gar nicht sein, du siehst gar nicht so aus‘“, berichtet Valerie. Viele Menschen könnten schlichtweg nicht begreifen, dass man sich als Frau schminken und im nächsten Moment schmerzbefreit im Schlamm vergraben kann.

Auch die Medienlandschaft hinkt hinterher. Die Spielerinnen kritisieren eine spürbare Diskrepanz in der Berichterstattung. Während der Herrensport rein leistungsorientiert analysiert wird, rutscht die Darstellung von Frauenrugby in den Medien laut Lena schnell in eine „sexuelle Schiene“ ab, die den Fokus von der sportlichen Leistung nimmt. Oftmals werde der Sport bei Frauen zudem als „besonders“ oder „mutig“ inszeniert, anstatt ihn als ganz normalen, harten Leistungssport anzuerkennen.

Man wird oft belächelt und hört Sprüche wie: ‚Du spielst Rugby? Das kann gar nicht sein, du siehst gar nicht so aus.‘
Valerie

Zudem herrscht eine massive Unterrepräsentation im Vergleich zum allgegenwärtigen Männerfußball. Für Anna ist es ein persönlicher Traum, dass mehr starke Frauen in den Printmedien auftauchen: „Frauen wollen mehr Frauen sehen, das ermutigt junge Mädchen. Wenn der Kraft- und Kontaktsport in den Medien präsent ist, sehen es die Väter, sehen es die Schulen und merken: Kontaktsport ist absolut etwas für Mädchen“.

Die Innsbruckerinnen haben bereits bewiesen, dass sie bereit sind, den Rasen für die nächste Generation zu ebnen – mit harten Tackles, viel Feingefühl und einer unschlagbaren Gemeinschaft.

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