Eklat in der Lagunenstadt

Wegen Russland-Teilnahme: EU streicht Millionen-Förderung für Venedig-Biennale

Die Aktivistinnen von Pussy Riot protestierten schon vor Start der Kunstbiennale gegen die Teilnahme Russlands.
© MARCO BERTORELLO

Die EU macht Ernst: Weil Russland trotz des Ukraine-Kriegs an der traditionsreichen Kunstbiennale in Venedig teilnimmt, stellt Brüssel eine Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro ein. Die Leitung der Biennale kündigt rechtliche Schritte an, während der Besucherandrang in Venedig einen historischen Rekord erreichen könnte.

Venedig, Brüssel – Die Europäische Union zieht nach der umstrittenen Teilnahme Russlands an der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig finanzielle Konsequenzen. Wie ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel bestätigte, stellt die Europäische Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) den laufenden, mit zwei Millionen Euro dotierten Zuschuss an die Fondazione La Biennale di Venezia mit sofortiger Wirkung ein. Die Entscheidung basiert auf einer rechtlichen Bewertung und einer entsprechenden Empfehlung der EU-Kommission.

„Kulturvorhaben, die mit europäischen Steuergeldern finanziert werden, sollten demokratische Werte wahren sowie offenen Dialog, Vielfalt und Meinungsfreiheit fördern – Werte, die im heutigen Russland nicht geachtet werden“, begründete der Kommissionssprecher den Schritt. Bereits vor wenigen Tagen hatte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas nach einem Treffen der EU-Außenminister ein entsprechendes Vorgehen angedeutet.

Biennale-Leitung kündigt Widerstand an

Die Leitung der Kunstbiennale in Venedig reagierte gefasst, aber entschlossen. Man habe die Streichung der Zuschüsse aus Brüssel als längst erwartete „politische Entscheidung“ wahrgenommen, gegen die man nun rechtlich vorgehen werde. Akute finanzielle Sorgen plagen die Veranstalter dadurch jedoch offenbar nicht: Der Förderstopp habe „keine signifikanten Auswirkungen auf das Budget, den Haushalt oder auf geplante oder laufende Aktivitäten“, hieß es aus Venedig.

Die Kunstbiennale zählt zu den weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. In diesem Jahr läuft sie noch bis zum 22. November. Die EU-Gelder waren primär für die Unterstützung von Filmproduzenten und den Einsatz immersiver Technologien vorgesehen.

Der russische Pavillon im Zwielicht

Russland nimmt in diesem Jahr erstmals seit Beginn seiner großflächigen Invasion in der Ukraine wieder an der Biennale teil. Unter dem Titel „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“ präsentieren rund 50 vom russischen Staat handverlesene Künstler – darunter Musiker, Dichter und Philosophen – ein Musik- und Performanceprojekt.

Zwar bleibt der im russischen Staatsbesitz befindliche Pavillon für das breite Publikum geschlossen, die Installation wird jedoch auf einem großen Bildschirm im Außenbereich übertragen. Laut der umstrittenen Biennale-Kommissarin Anastassija Karnejewa sei dies von Anfang an so geplant gewesen. Karnejewa steht jedoch selbst in der Kritik: Sie ist die Tochter eines Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals beim russischen Staatskonzern Rostec. Moskau feiert die Teilnahme bereits als vermeintliches Ende seiner kulturellen Isolation im Westen.

Scharfe Kritik aus der Ukraine

Gegen die russische Präsenz in Venedig formierte sich von Anfang an heftiger Widerstand. Die ukrainische Regierung protestierte scharf und verurteilte den Auftritt als Teil von Moskaus „hybrider Kriegsführung“. Kiew verweist in diesem Zusammenhang auf die verheerenden Folgen des Krieges: Nach offiziellen Angaben wurden in der Ukraine bereits Tausende Kulturdenkmäler und kulturelle Einrichtungen durch russische Angriffe zerstört oder schwer beschädigt.

Auch in Brüssel stieß die Entscheidung der Biennale-Verantwortlichen, Russland eine Bühne zu bieten, auf Unverständnis. Die EU-Kommissare Glenn Micallef und Henna Virkkunen hatten bereits im März betont: „Diese Entscheidung der Fondazione Biennale ist nicht vereinbar mit der kollektiven Reaktion der EU auf die brutale Aggression Russlands.“

Die Kontroverse um Russland hatte die Biennale bereits vor ihrer offiziellenn Eröffnung am 9. Mai beschäftigt. Aktivistinnen von Pussy Riot und Femen protestierten vor dem russischen Pavillon. Auch mehr als 20 europäische Staaten sprachen sich gegen die Rückkehr Moskaus aus. Die ukrainische Seite warf den Verantwortlichen vor, einem Aggressorstaat eine kulturelle Bühne zu verschaffen, während dieser gezielt ukrainische Kultur zerstöre.

Die Russland-Frage verband sich zudem mit dem Streit um den israelischen Beitrag. Die fünfköpfige internationale Jury wollte KünstlerInnen aus Staaten von den Auszeichnungen ausschließen, deren politische Führungen mit Haftbefehlen des Internationalen Strafgerichtshofs konfrontiert sind. Damit waren Russland und Israel gemeint. Nach heftigen Auseinandersetzungen trat die gesamte Jury Ende April zurück. Anstelle der regulären Goldenen Löwen sollen nun erstmals BesucherInnen über Auszeichnungen für einen künstlerischen Beitrag und einen nationalen Pavillon entscheiden.

Besucherrekord trotz Kontroversen zeichnet sich ab

Trotz – oder gerade wegen – der anhaltenden politischen Debatten verzeichnet die diesjährige Biennale einen enormen Zulauf. Die Besucherzahlen liegen laut italienischen Medienmeldungen in den ersten zwei Monaten der Kunstschau rund 20 Prozent über dem Vergleichszeitraum der vorhergehenden Biennale.

Für die Ausgabe von 2024 wurden insgesamt rund 700.000 Tickets verkauft. Sollte der derzeitige Trend anhalten, könnte die bis zum 22. November laufende Ausstellung diesen Wert übertreffen.

Vor vielen nationalen Pavillons bilden sich täglich lange Warteschlangen – zu den beliebtesten zählt der Florentina Holzinger bespielte Österreich-Pavillon. (TT, dpa, APA)

Mehr zum Thema:

undefined

Warnung vor Nacktheit

Riesiger Andrang auf Österreichs Beitrag bei der Biennale in Venedig

undefined

Kommentar

Bei der Biennale kommt niemand an Österreich vorbei

undefined

Die besten Fotos eines Aufregers

Nackte Frau als Glocke, aus Urin wird Wasser: Sorgt Österreich in Venedig für einen Skandal?