Bregenzer Festspiele: Herr Brouček sucht das Glück – und findet es
Yuval Sharon inszeniert Leoš Janáčeks Satireoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ als scharfen, aber nie plakativen Kommentar auf unsere Gegenwart. Das Publikum im Festspielhaus feierte den Abend – und darf sich auf Sharons „Fliegenden Holländer“ auf der Seebühne 2028 freuen.
Bregenz – Bregenz kann dem „Fliegenden Holländer“ 2028 gelassen entgegensehen. Yuval Sharon, der Wagners Oper dann auf der Seebühne inszenieren wird, hat bei den laufenden Bregenzer Festspielen mit der Hausoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ eine überzeugende Visitenkarte abgegeben. Seine Inszenierung von Leoš Janáčeks selten gespielter Satire gelingt meisterlich: scharf, verspielt und gegenwärtig, ohne sich mit Aktualisierungen wichtigzumachen.
Hatte Damiano Michielettos „La Traviata“ am Vorabend eher freundlichen Applaus erhalten, tobte das Publikum tags darauf. Auch diesmal wird ihm ein Spiegel vorgehalten – allerdings nicht in Form einer gigantischen Bühnenkonstruktion, sondern im übertragenen Sinn.
Ein Antiheld vor dem Fernseher
Im Zentrum der 1920 uraufgeführten Oper steht Matěj Brouček, ein braver, ignoranter Kleinbürger, der von der komplizierten Außenwelt möglichst wenig wissen will. Sein Lebensziel ist bescheiden: seine Ruhe, ein Bier und der Fernseher.
Man möchte diesen Spießer bisweilen auf den Mond schießen. Janáček tut genau das. Peter Hoare gibt den Brouček als Klischee-Tschechen in Schlapfen und Strickweste. Auf dem Mond trifft er auf eine Gesellschaft, die man heute wohl als „woke“ bezeichnen würde: hochmoralisch, empfindsam und in die eigene Überlegenheit verliebt. Als der Fleischliebhaber Brouček eine Wurst hervorholt, fällt man in Ohnmacht.
Janáčeks Spott trifft allerdings beide Seiten. Nicht nur eine elitäre Gesellschaft, die sich in ihren moralischen Gewissheiten verliert, bekommt ihr Fett weg. Auch jene bequemen Kleinbürger, die angesichts der Weltlage vor allem in Ruhe gelassen werden wollen, werden aufs Korn genommen. Gerade deshalb wirkt der erste Teil der Oper noch immer erschreckend aktuell.Bühne/Kostüme: Jon Bausor
Sharon hält die Balance zwischen Ironie und Abstraktion. Die Bühne wirkt wie eine grafische Skizze, mit schwarzem Hintergrund und wenigen Linien, die eine Stadtlandschaft andeuten. Manches erinnert an die tschechische Animationstradition. Selbst der alte Boulevardschmäh von Tür auf, Tür zu bleibt unpeinlich. Die Mondgesellschaft erscheint als Ansammlung von Rechtecken – ein treffendes Bild für das Leben in geistigen Schubladen.
Ausflug in die Geschichte
Schwieriger wird es im zweiten Teil. Brouček reist ins 15. Jahrhundert und gerät in die Hussitenkriege. Wer mit der tschechischen Geschichte nicht vertraut ist, dürfte dem Geschehen nicht immer mühelos folgen. Dass Jan Hus 1415 im nahe gelegenen Konstanz verbrannt wurde, schafft immerhin eine Verbindung zum Bodensee.
Sharon widersteht auch hier der Versuchung, die historischen Konflikte mit aufdringlichen Parallelen zur Gegenwart zu überziehen. Die Inszenierung hält sich klug zurück und vertraut darauf, dass Janáčeks Satire auch ohne Regiekommentar ihre Wirkung entfaltet.
Robert Jindra lässt die Wiener Symphoniker im Graben bisweilen wie Richard Strauss klingen, meist aber unverkennbar wie Janáček. Walzerseligkeit trifft auf Pathos und moderate Dissonanzen, musikalischer Überschwang auf satirische Schärfe.
Dass „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ zuletzt an mehreren Häusern im deutschen Sprachraum wiederentdeckt wurden – im Vorjahr auch am Tiroler Landestheater –, überrascht da kaum. In einer Gesellschaft, die sich zwischen moralischer Selbstgewissheit und dem Wunsch nach einem Bier vor dem Fernseher eingerichtet hat, findet Brouček schließlich doch sein Glück: Er ist wieder ganz unter uns. (APA)
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