Amokfahrt bei Christopher Street Day in Berlin als islamistischer Anschlag eingestuft
Ein Auto fuhr am Samstagabend am Rande der Großveranstaltung in eine Menschenmenge. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt. Ermittler gehen inzwischen von einem Terroranschlag aus. Der mutmaßliche Täter wurde am Tag danach bei einem Polizeieinsatz getötet.
Berlin – Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) spricht nach der Amokfahrt im Rahmen des Christopher Street Day (CSD) im Berliner Stadtteil Tiergarten von einem islamistischen Anschlag. Eine Frau kam bei der Attacke am Samstagabend ums Leben, die Zahl der Verletzten gab Dobrindt mit 29 an – deutlich mehr als bisher bekannt und teils schwer verletzt, wie er am Sonntag am Tatort zu Journalisten sagte. Nach dem 21-jährigen Tatverdächtigen wurde am Sonntag gefahndet, am Abend wurde er bei einem Polizeieinsatz getötet:
Verdächtiger ist tot
Nach Anschlag bei CSD in Berlin: Mutmaßlicher Täter bei Polizeieinsatz erschossen
📽️ Video | Deutscher Innenminister spricht von Terror
Ermittler: Abdul B. wollte sich im Ausland IS anschließen
Der mutmaßliche Täter hat im vergangenen Jahr mehrmals versucht, sich im Ausland dem bewaffneten Kampf der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen, teilte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft mit. Demnach versuchte Abdul B. erfolglos, über die Türkei nach Mauretanien auszureisen. Wenig später reiste er dann über die Türkei in den Libanon, „um von dort aus nach Syrien zu gelangen und sich dem IS anzuschließen“, hieß es in der Mitteilung.
Im Libanon soll er zu mehreren Personen Kontakt aufgenommen haben, die möglicherweise Mitglieder des IS waren. „Zumindest ging Abdul B. mutmaßlich davon aus“, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit. Am 24. Juli 2025 sei er im Libanon festgenommen und dort in Untersuchungshaft genommen worden. Ein Militärgericht habe ihn dort „unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung sei Abdul B. am 17. November 2025 nach Deutschland zurückgekehrt und noch am Flughafen BER erneut festgenommen worden.
Generalstaatsanwaltschaft wollte Bewährungsstrafe verhindern
Abdul B. war dann monatelang in Untersuchungshaft in Deutschland, ehe er am 12. Mai von einem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten „wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in einem Fall sowie der Zuwiderhandlung gegen ein vollziehbares Verbot nach dem Vereinsgesetz in zwei Fällen zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten“, verurteilt wurde. Das Gericht hob demnach einen bestehenden Haftbefehl auf, „da die Untersuchungshaft vorrangig der Sicherung des Strafverfahrens dient und keine vorweggenommene Strafe darstellt“.
Die Verurteilung ist nicht rechtskräftig, da die Generalstaatsanwaltschaft Berufung eingelegt hat. „Die Generalstaatsanwaltschaft hatte eine höhere, nicht mehr bewährungsfähige Jugendstrafe sowie die Aufrechterhaltung des Haftbefehls beantragt“, teilte sie mit. In der Verhandlung zeigte sich Abdul B. der Mitteilung zufolge „überwiegend geständig“ und distanzierte sich vom IS.
Niemand mehr in Lebensgefahr
Am Sonntagnachmittag gab die Polizei mit Blick auf die Verletzten leichte Entwarnung: Niemand der Betroffenen sei mehr in Lebensgefahr, sagte ein Sprecher der Polizei. Niemand der Verletzten in den Krankenhäusern sei momentan in einem kritischen, lebensbedrohlichen Zustand.
Dobrindt betonte, die Tat habe sich nicht auf dem CSD-Festivalgelände ereignet, aber in der Nähe. Nach der Amokfahrt auf Fußwegen im Tiergarten sei der mutmaßliche Täter wohl mit einer Machete auf weitere Passanten losgegangen. Der Verdächtige habe bereits viele Straftaten begangen und sei der islamistischen Szene zuzurechnen, sagte der Innenminister weiter. In Berlin sei er zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden, die jedoch auf Bewährung ausgesetzt wurde, wogegen eine Beschwerde lief. Er sei deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund.
Die Polizei fahndete nach dem 21-Jährigen aus dem islamistischen Milieu. Sie veröffentlichte auch ein Foto des Tatverdächtigen Abdul B. Seit Sonntagabend ist klar: Der Tatverdächtige ist bei einem Polizeieinsatz getötet worden. Das bestätigte die Senatsinnenverwaltung.
Gedenken am Brandenburger Tor
Am Sonntag haben Hunderte Menschen am Brandenburger Tor der Opfer gedacht. Menschen legten Blumen nieder, zündeten Kerzen an und lagen sich in den Armen, andere hielten Regenbogenflaggen und Plakate und Banner hoch, darauf stand etwa „Hass ist tödlich“, „Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle“ oder „We will dance again“. „Gestern war ein Angriff auf uns alle, auf alle unsere Eventitäten, auf unsere Existenzen, auf unsere Gemeinschaft und unsere Demokratie. Und wir lassen uns davon nicht unterkriegen“, hieß es in einem der Redebeiträge auf einer Bühne.
📽️ Video | Blumen, Trauer und Tränen am Tag danach
Am Samstagabend war im Stadtteil Tiergarten ein weißer Van am Rande des CSD in eine Menschenmenge gefahren. Mehrere Personen sollen auch durch Stichwerkzeuge verletzt worden sein, erklärten die Polizei und die Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Die Feier, an der Hunderttausende Menschen teilnahmen, wurde daraufhin gegen 22.00 Uhr abrupt abgebrochen. Der CSD in Berlin gilt als eine der größten LGBTQ-Pride-Veranstaltungen Europas.
Merz verurteilt Tat
Deutschlands Kanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete die Tat als „Angriff auf unsere Gesellschaft.“ Sie werde mit aller Härte verfolgt. Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einem Angriff auf die offene Gesellschaft und „auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben“. Auch der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilte die Tat und sah einen Angriff auf „unsere freie und weltoffene Gesellschaft“.
Bundesinnenminister Dobrindt meinte: „Diese feige, abscheuliche Attacke auf friedlich feiernde Menschen erschüttert mich zutiefst.“ In Kreisen der Bundesregierung hieß es, der Kanzler sei im ständigen Austausch mit Dobrindt und den Behörden. Alle weiteren Schritte würden in enger Abstimmung mit dem Land Berlin, den Sicherheitsbehörden und innerhalb der Bundesregierung entschieden.
Entsetzte Reaktionen auch aus Österreich
Auch aus der österreichischen Spitzenpolitik sind am Sonntag entsetzte Reaktionen auf den Angriff gekommen. „Was gestern in Berlin geschehen ist, war ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft“, schrieb Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) auf X.
Außenministern Beate Meinl-Reisinger (NEOS) drückte ebenfalls auf X ihre Erschütterung aus und meinte: „Der CSD steht für Liebe, Freiheit und Zusammenhalt. Diese Werte lassen wir uns nicht nehmen. Liebe ist stärker als Hass.“
SPÖ-LGBTIQ+ Sprecher Mario Lindner erklärte in einer Aussendung: „Wenn die Feinde unserer offenen Gesellschaft unsere Vielfalt angreifen, dann werden wir immer mit mehr Zusammenhalt, mehr Sichtbarkeit und mehr Solidarität antworten.“
Die Grüne Bundessprecherin Leonore Gewessler ließ mittels Aussendung mitteilen: „Was ein Tag der Sichtbarkeit, des Zusammenhalts und der Solidarität sein sollte, wurde von Gewalt überschattet.“ Hass und menschenfeindliche Ideologien hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz, so Gewessler.
Die FPÖ nimmt in ihrer ersten Reaktion auf den tödlichen Angriff Bezug auf den mutmaßlich islamistischen Hintergrund des Tatverdächtigen. FPÖ-Sicherheitssprecher Gernot Darmann kritisierte in einer Aussendung die europäische und österreichische Asyl- und Migrationspolitik. (APA, dpa, Reuters)