Salzburger Festspiele mit eindringlichem Plädoyer für Demokratie eröffnet
Die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa stellte ihre Festrede ins Zeichen von Freiheit, Menschlichkeit und gegenseitigem Zuhören. Bundespräsident Alexander Van der Bellen verteidigte den politischen Kompromiss als Kern der Demokratie.
Salzburg – Mit einem eindringlichen Plädoyer für Menschlichkeit, Dialog und Demokratie sind am Sonntagmittag die Salzburger Festspiele eröffnet worden. 226 Tage nach ihrer Entlassung aus mehrjähriger Haft sprach die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin Maria Kolesnikowa in der Felsenreitschule über die Unbesiegbarkeit innerer Freiheit.
„Mein größter Sieg war, dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wurzeln schlug – und dass ich trotz allem Mensch blieb“, sagte die 44-Jährige. Für ihre Rede erhielt sie immer wieder Zwischenapplaus, am Ende erhob sich das Publikum zu Standing Ovations.
„Zuhören ist Verantwortung“
Kolesnikowa verglich eine freie Gesellschaft mit einem Orchester, in dem gegenseitiges Zuhören unerlässlich sei. Nicht allein das Äußern von Meinungen, sondern vor allem das Aufeinander-Hören halte die Demokratie lebendig: „Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung. Genau dort beginnt Demokratie.“
Auch mit Blick auf den technologischen Wandel und künstliche Intelligenz mahnte die Künstlerin zur Wahrung menschlicher Werte: „Die Zukunft entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden, sondern daran, wie menschlich wir bleiben.“
Zwischen musikalischen Darbietungen des Mozarteumorchesters Salzburg unter der Leitung des belarussischen Dirigenten Vitali Alekseenok widmeten sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) sowie Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) den Themen Demokratie, Heimat und Freiheit.
Das Orchester spielte neben den Hymnen, an denen auch der Theater Kinderchor mitwirkte, Werke von Édouard Lalo, Olivier Messiaen und Lili Boulanger.
Van der Bellen verteidigt den Kompromiss
Van der Bellen sprach anhand seiner eigenen Biografie gewohnt humorvoll über Migration und Heimat und gab einige Kostproben aus seiner „Kaunertaler Zweitsprache“ zum Besten. Mit dem Begriff Heimat werde allerdings auch „viel gefährlicher Blödsinn getrieben“, warnte er.
Der Bundespräsident erinnerte an den Gründungsgedanken der Europäischen Union und verteidigte den politischen Kompromiss als Wesenskern der Demokratie: „Das Innenleben jeder funktionierenden freien, liberalen Demokratie besteht nolens volens auf Kompromissen, insbesondere in Koalitionsregierungen.“ Wer das kleinrede oder geringschätze, „missachtet den Kern des Aufblühens unserer Heimat“.
Für einen besonderen Moment sorgte Van der Bellen, als er Kolesnikowa vom Rednerpult aus fragte, wie ihr Vorname richtig betont werde. Als einziger Redner legte er die Betonung anschließend auf die erste Silbe.
Babler setzt auf die „Macht des Herzens“
„Das heurige Festspielprogramm stellt der kalten Vernunft die Macht des Herzens gegenüber“, sagte Kulturminister Babler. Es frage danach, was in schwierigen Zeiten Orientierung gebe.
Babler sprach über Vernunft angesichts der Klimakrise und der gesellschaftlichen Spaltung. „Als vermeintlich vernünftige Wesen akzeptieren wir gerade Entwicklungen, deren gefährliche Folgen wir aus der Geschichte längst kennen“, mahnte er und zitierte Ingeborg Bachmann: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“
Unter Bezugnahme auf den „Jedermann“ schlug Babler zudem einen Bogen zur Uraufführung von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“: „Sie macht deutlich, was geschieht, wenn Jedermanns Lebensweise zur Funktionsweise einer ganzen Gesellschaft wird.“
Edtstadler erinnert an Stefan Zweig
Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler erinnerte in ihrer Begrüßungsrede an Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ und an die darin beschriebene Zeit „vor den großen Katastrophen Europas“.
„Wenn sich heute der Vorhang der Salzburger Festspiele hebt, dann schärft sich nicht nur unsere Wahrnehmung für die Kunst, sondern wir sind – ganz im Sinne Zweigs – auch aufgefordert, den Zustand unserer eigenen Welt zu reflektieren“, sagte Edtstadler.
Schauspielerin Senta Berger trug einen 1943 entstandenen Text von Festspielmitbegründer Max Reinhardt vor. „Heutzutage ernsthaft Theater zu spielen ist im Grunde genommen eine Donquichoterie. Das heißt, mit künstlerischen Idealen ankämpfen zu wollen gegen die ungeheuren Windmühlen, die im Sturm unserer Zeit klappern“, heißt es darin.
Mehr als 170 Aufführungen bis Ende August
Nach der fast zweistündigen Feier erklärte Van der Bellen die Salzburger Festspiele für eröffnet. Am Sonntagabend steht die Premiere von Bizets „Carmen“ unter der musikalischen Leitung von Teodor Currentzis auf dem Programm. Am Montag folgt die Uraufführung von Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ in der Regie von Jossi Wieler.
Bis einschließlich 30. August sind mehr als 170 Aufführungen an 45 Tagen und 19 Spielstätten geplant. Hinzu kommen 37 Vorstellungen im Jugendprogramm „jung & jede*r“. (APA, TT)
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