Handke-Uraufführung in Salzburg als zielloser Streifzug
Es ist der Versuch des "Nachvollziehens einer poetischen Utopie", ein Durchexerzieren von "Ambivalenz in Meinung und Wahrnehmung" und schließlich ein "Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens", wie der Untertitel von Peter Handkes jüngstem Text "Schnee von gestern, Schnee von morgen" lautet. So (oder auch ganz anders) lässt sich dessen am Montag stattgefundene Uraufführung im Rahmen der Salzburger Festspiele zusammenfassen.
Oben genannte Zitate stammen von Iffland-Ring-Träger Jens Harzer und seiner Kollegin Marina Galic, die "Schnee von gestern, Schnee von morgen" in der Regie von Jossi Wieler als Koproduktion mit dem Berliner Ensemble an die Salzach brachten und sich im Laufe des zweistündigen, pausenlosen Abends redlich mühten, dem sinnierenden Umherstreifen der Erzählstimme in Handkes Text irgendeine Form abzuringen. Harzer war bereits 2011 in der umjubelten Uraufführung von Handkes später mit dem Nestroy-Autorenpreis ausgezeichneten Stück "Immer noch Sturm" bei den Festspielen im Zentrum gestanden, doch mittlerweile sind einige Jahre ins Land gezogen, und der Literaturnobelpreisträger Peter Handke hat sich auf seinen Streifzügen irgendwo tief im Wald verirrt, wo nicht mal ein laues Lüfterl weht.
"Wir drei lieben diesen Autor - aber heilig sprechen soll man ihn auch nicht", sagte Harzer im Vorfeld der Premiere. Und Jossi Wieler unternimmt diesen Versuch der Heiligsprechung erst gar nicht. Wie achtlos hingeworfen liegen noch nicht zusammengebaute Kulissenelemente - Podeste, Türen, Zwischenwände - auf der Bühne, die Harzer und Galic meist als Sitzgelegenheit oder erhöhter Aussichtspunkt dienen.
Der Versuch, den mäandernden Bewusstseinsstrom, der mit manch wiederkehrenden Kalauern wie dem "Tageshoroskop" (etwa: "Ihre Dämonen kommen zurück, genießen Sie jeden Moment ohne Tortur") oder dem "elften Gebot" ("Unwillkürlich beteiligt sein") aufwartet, in eine dialogische Fassung zu bringen, löst sich schon in der ersten Stunde dieses langen Abends im Nichts auf. Hier scheitert einer daran, überhaupt mit sich selbst zu sprechen. Kein Wunder, hat der Suhrkamp Verlag, wo der Text im Jänner 2025 als schmaler Band erschien, doch bereits eine Charakterisierung geliefert: "Ein Drama ohne Rednerwechsel, ein Lied ohne Kehrvers."
Hier gibt es weder Inhalte noch den Versuch, Ordnung in die Dinge zu bringen. Was durch den Kopf geht, kommt auch auf die Bühne. "Ja: Rückwärts gehen, vorwärts blicken", heißt es da, oder: "Es wird so kommen, wie es kommen wird müssen. Oder auch nicht." Wie einen solchen Text bebildern? "Da, ein Glücksrabe. Tag der Eintagsfliegen heute, tanzend überm Asphalt in der Sonne, und im Sonnenuntergang dem Asphalt näher und näher", heißt es einmal im Text, und schon hütet Galic eine Rabenattrappe, wie man sie von Balkonbrüstungen kennt. Ihre Funktion? Sei's drum! Auch ein "Zirkuszwerg" kommt zur Sprache, also spielen Harzer und Galic ein paar Minuten lang mit roten Mützen. Warum? Egal, sei's drum.
In seltenen Momenten blitzt so etwas wie Erkenntnis auf: "Letzte Nacht hat mir geträumt von ganz neuartigen Kriegen, den sogenannten 'Pilgerkriegen', wo sämtliche Erdbewohner Pilger geworden waren, aber jeder einzelne pilgernd in eine andere Richtung, und alle einander die Pilgerwege abschneidend, und einander dann rempelnd, und handgemein werdend, prügelnd, dreschend, stechend, halsabschneidend ..." heißt es an einer Stelle. Da blitzt Handkes einst messerscharfe Menschen- und Gesellschaftsbeobachtung auf, nur um bald wieder im Gedankenstrom zermahlen zu werden.
Irgendwann versucht Jens Harzer, die einzelnen Bühnenelemente zusammenzubauen (Bühne und Kostüme: Anja Rabes). Aber hier passt kein Teil in den anderen, also gibt er auf. Da drängt sich ein Satz auf, der an anderer Stelle fällt: "Und nur nichts dramatisieren hier und jetzt, das Drama, es ist da, es läuft längst ab, Schritt für Schritt, von vornherein."
Erleichterter Applaus beschloss einen verrätselten Abend, den man getrost als Abgesang auf den Topos des einsam umherstreifenden Wolfs sehen kann, der sich längst in den tiefen Wald zurückgezogen hat. Handke selbst nahm die Standing Ovations mit seinem Gehstock ins Publikum drohend in Empfang. Es war der Höhepunkt des Abends.
(Von Sonja Harter/APA)
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