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CARE im Südlibanon: Hilfe unter Bombengefahr

Hilfsgüterverteilungen finden im Südlibanon trotz Angriffsgefahr statt
© APA

Höchstens 60 Minuten darf eine Hilfsgüterverteilung im Südlibanon dauern. Fluchtwege werden im Voraus geplant. "Schnell hinein, schnell hinaus", beschreibt CARE-Nothilfe-Reporterin Sarah Easter den Zeitdruck im Gespräch mit der APA. Lebensmittel werden möglichst nahe an den Dörfern verteilt, damit die Bewohner nur einen kurzen Weg zurücklegen müssen. Manche von ihnen fahren in getrennten Autos, damit bei einem Angriff nicht alle auf einmal ums Leben kommen.

Die deutsche Reporterin ist soeben von einem einwöchigen Einsatz im Libanon nach Berlin zurückgekehrt. In den Libanon reiste Easter, nachdem der Konflikt zwischen Israel und der proiranischen Hisbollah-Miliz am 2. März erneut eskaliert war. Nachdem die Miliz zahlreiche Raketen auf den Norden Israels abgefeuert hatte, marschierte die israelische Armee in den Südlibanon ein. Seitdem kamen auf israelischer Seite mindestens 39 Soldaten und drei Zivilisten ums Leben. Auf libanesischer Seite wurden laut örtlichen Behörden mehr als 4.300 Menschen getötet, rund 12.200 verletzt und mehr als eine Million vertrieben. Am Montag verwies das UNO-Menschenrechtsbüro auf großflächige Verstöße israelischer Streitkräfte gegen das humanitäre Völkerrecht im Libanon. Einige der Verstöße könnten demnach Kriegsverbrechen darstellen.

Für Easter ist die Libanon-Reise nicht das erste Mal in einer Konfliktregion. Jährlich absolviert die Reporterin "fünf bis sieben" solcher Einsätze. In den vergangenen fünf Jahren reiste sie für CARE unter anderem in die Ukraine, den Sudan und nach Syrien. Vor Ort begleitet Easter Hilfsgüterverteilungen von CARE und spricht mit Betroffenen. Unterstützt wird sie dabei unter anderem von einem Sicherheitsteam und Übersetzern. Die CARE-Mitarbeiterin versucht jedoch, zumindest das Wort "Danke" in der jeweiligen Landessprache zu lernen. Mittlerweile kann sie sich etwa auf Amharisch oder Arabisch bedanken.

Der Libanon leide laut Easter unter "multiplen Krisen", darunter ein eskalierender militärischer Konflikt sowie ein "kompletter Finanzkollaps" mit hoher Inflation. Zugleich sei die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland zurückgegangen. Hinzu kämen Überschwemmungen im Nordlibanon zu Jahresbeginn und die bis heute spürbaren Auswirkungen der Hafenexplosion in Beirut im Jahr 2020. Trotz häufiger Kriege fehlten im Libanon Schutzmechanismen für die Bevölkerung, etwa Schutzbunker, Sirenen oder Warn-Apps. "Man hofft einfach, wenn die Bomben fallen, dass man nicht getroffen wird", betont Easter. Dabei muss man sich auf sein Gehör verlassen. "Kollegen in Beirut haben mir gesagt, sie trauen sich nachts nicht, mit Kopfhörern zu schlafen. Denn was ist, wenn Bomben fallen und man nicht reagiert?", fügt sie hinzu.

Während ihrer Reise durch das Land begegnete Easter unzähligen Menschen, die insbesondere aus dem Südlibanon vertrieben worden waren. Immer wieder lösten israelische Angriffe dort "massenhafte" Fluchtbewegungen in Richtung Norden aus. Dadurch entstünden enorme Staus, Autobahnen verwandelten sich in "Parkplätze". Ein solcher Stau könne bis zu 72 Stunden andauern. Selbst wenn die Flucht in den Norden gelinge, könnten sich viele Menschen dort die Miete nicht leisten. "Das heißt, sie schlafen in ihren Autos, in Zelten am Strand oder in Notunterkünften - wenn sie dort überhaupt einen Platz bekommen", ergänzt Easter.

Auch CARE betreibt solche Notunterkünfte, häufig in umfunktionierten Schulen oder Sporteinrichtungen. Doch selbst dort könne Sicherheit nicht immer gewährleistet werden. Vertriebene Frauen müssten oft in gemischten Schlafsälen übernachten und seien teilweise sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Zudem würden LGBTIQ+ Personen häufig nicht in Notunterkünften akzeptiert. CARE habe daher für LGBTIQ+ Personen sowie für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, separate Unterkünfte eingerichtet.

Ihre Interviews beschreibt die Nothilfe-Reporterin als Gratwanderung zwischen Empathie und Selbstschutz. "Es ist wichtig, dass einem die Empathie nicht verloren geht", sagt Easter. Nur so könne sie die Erzählungen ihres Gegenübers "erst richtig verstehen und auch wirklich fühlen, was ich da schreibe". Gleichzeitig müsse sie sich von den Schilderungen abgrenzen. "Wenn ich emotional viel zu fertig bin und nicht mehr zuhören kann, dann kann ich meine Arbeit nicht mehr machen." Letztendlich sei ihr Ziel, "dass die Menschen, die ich da getroffen habe, gehört werden."

(Das Gespräch führte Pia Hecher/APA)