Ein Südtiroler im Rheinland: Kabarettist Konrad Beikircher ist tot
Konrad Beikircher erklärte den Rheinländern ihre eigene Sprache und Mentalität – mit dem genauen Gehör eines Zugewanderten. Jetzt ist der aus dem Pustertal stammende Kabarettist, Musiker und Autor im Alter von 80 Jahren in Bonn gestorben.
Bonn – Ein Südtiroler erklärt den Rheinländern das Rheinland: Was nach einem Widerspruch klingt, wurde für Konrad Beikircher zum Lebenswerk. Mit sicherem Gespür für Dialekt, Mentalität und die kleinen Absurditäten des Alltags begeisterte er sein Publikum weit über die Region hinaus.
Am Dienstag ist Beikircher im Alter von 80 Jahren in Bonn gestorben. „Wir waren bei ihm“, sagte seine Ehefrau Anne Beikircher der Deutschen Presse-Agentur.
Beikircher wuchs im Pustertal auf und kam 1965 zum Studium nach Bonn. Aus dem vorübergehenden Aufenthalt wurde ein Leben. „Meine Heimat ist und bleibt Südtirol. Aber mein Zuhause ist das Rheinland“, sagte er 2020 anlässlich seines 75. Geburtstags. Er liebte das dort spürbare „mediterrane Lebensgefühl“: Wichtig sei die Gegenwart – jetzt müsse es schön sein.
Ein genauer Blick auf das Rheinland
Gerade der Blick des Zugewanderten machte Beikirchers Kabarett so treffsicher. Er nahm die rheinische Sprache und Lebensart ernst, ohne sie zu schonen. „Mir haben sie es geglaubt, weil ich nicht von hier bin“, erklärte er später seinen Erfolg.
Bekannt wurde er zunächst im Radio. Mitte der 1980er-Jahre erhielt er beim WDR die Kolumne „Sarens, Frau Walterscheidt“, in der er seiner Kunstfigur beim Räsonieren über Gott, die Welt und ihre unmittelbare Nachbarschaft zuhörte. Sein erstes großes Bühnenprogramm „Himmel un Ääd“ wurde zum Kultstück und zum Ausgangspunkt einer langen Reihe rheinischer Programme.
Beikircher hörte genau hin, wenn Menschen sprachen. Er untersuchte Tonfall, Satzmelodie und die mitunter verwickelte Logik des Rheinischen. Daraus entstanden Programme, Tonträger und Bücher wie „Et kütt wie’t kütt“ oder „Wer weiß, wofür et jot es“. Der Rheinländer erschien darin als Mensch, der Widersprüche nicht unbedingt löst, aber recht komfortabel in ihnen wohnen kann.
Klassik ohne Kniefall
Beikirchers zweite große Leidenschaft war die Musik. Ursprünglich wollte er Profigeiger werden, übte während seines Studiums ausdauernd für die Aufnahmeprüfung an der Wiener Musikakademie und gab den Plan erst nach einem ernüchternden Vorspiel auf.
Die Musik ließ ihn dennoch nie los. Er spielte mehrere Instrumente, sang Wiener und italienische Lieder, vertonte Texte von H. C. Artmann und trat mit Programmen über Adriano Celentano auf. Bei Konzerten großer Orchester war er als Moderator und ebenso kundiger wie unterhaltsamer Vermittler gefragt.
Sein Prinzip lautete: Klassische Musik ernst nehmen, den Betrieb rundherum aber nicht unbedingt. In Konzertführern wie „Andante Spumante“ und „Scherzo furioso“ sowie den Opernführern „Palazzo Bajazzo“, „Bohème suprême“ und „Pasticcio Capriccio“ verband er musikalische Sachkenntnis mit kabarettistischer Respektlosigkeit. Auch Ludwig van Beethoven näherte er sich weniger als Denkmal denn als Mensch: als schwieriger Mieter, Geschäftsmann, Familienmensch und gelegentlich liebenswürdiger Griesgram.
Beikircher schrieb außerdem Kindererzählungen, Kochbücher und Erinnerungen an seine Südtiroler Kindheit. Noch in der Küche führte er seine beiden Heimaten zusammen: rheinische Lebensart und Südtiroler Herkunft, Himmel un Ääd und alpine Bodenhaftung.
Vom Gefängnispsychologen auf die Bühne
Bevor die Bühne zum Zentrum seines Lebens wurde, arbeitete Beikircher 15 Jahre lang als Psychologe in der Justizvollzugsanstalt Siegburg, vor allem mit jungen Straftätern. Erst Mitte der 1980er-Jahre gab der Vater von fünf Kindern seinen Beamtenberuf auf.
Die Arbeit mit den Häftlingen habe er gern gemacht, erzählte er später. Zunehmende Formalitäten und behördliche Vorgaben hätten ihn jedoch immer stärker eingeengt. Schließlich habe er „zur Selbstrettung“ gekündigt – eine Entscheidung, die er nie bereute.
Je länger Beikircher als Künstler unterwegs war, desto weniger konnte er sich ein Leben ohne Auftritte vorstellen. Während der Theaterschließungen in der Corona-Pandemie wurde ihm das besonders bewusst. Die Bühne sei ein Ort, „wo ich mir allein gehöre“, sagte er.
Zuletzt hatte er wegen gesundheitlicher Probleme kürzertreten wollen. Dennoch stand er noch wenige Wochen vor seinem Tod auf der Bühne.
So sehr Beikircher die Öffentlichkeit liebte, den oft beschworenen Tod auf der Bühne wollte er nicht. Sterben wolle er zu Hause, bei den Menschen, die ihm am wichtigsten seien, erklärte er vor einigen Jahren. Angst vor dem Tod habe er nicht: „Darauf bin ich sogar eher neugierig.“
Konrad Beikircher war der Onkel von Lukas Beikircher, dem früheren Chefdirigenten des Tiroler Landestheaters. (APA, dpa, TT)
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