Marvel für Einsteiger: Diese Filme öffnen das Tor zum MCU
Mit „Spider-Man: Brand New Day“ schwingt sich diese Woche einer der populärsten Superhelden zurück ins Kino. Der Film liefert den Anlass für einen Schnellkurs durch das Marvel Cinematic Universe. Diese sechs Werke zeigen, wie Marvel aus einzelnen Helden ein System machte – und zeitweise eine Gelddruckmaschine.
Am Mittwoch, 29. Juli, kehrt Spider-Man ins Kino zurück. „Brand New Day“ stellt die Uhr für den Spinnenmann auf Null. Aber auch das hat eine Vorgeschichte. Wer nun erstmals ins Marvel Cinematic Universe, kurz MCU, einsteigt, bekommt es mit vielen Vorgeschichten zu tun. Die Filmreihe läuft seit beinahe zwei Jahrzehnten – und wird von etlichen TV- und Streamingserien begleitet.
Man kann sie alle schauen. Die meisten sind via Disney+ im Abo abrufbar. Man muss aber nicht. Die folgenden sechs Filme erleichtern den Einstieg ins Marvel-Universum, das – Stand jetzt – 37 mehr als abendfüllende Kinoproduktionen zählt. Wer sich nur für Spider-Man interessiert, kann auch eine andere Route durchs MCU einschlagen.
„Iron Man“ (2008) oder: Alles auf Anfang
Am Anfang steht ein Mann im Metallanzug. Tony Stark ist ein genialer, selbstgefälliger Waffenproduzent, der vom Geschäft mit der Zerstörung bestens lebt – bis er deren Folgen am eigenen Körper erfährt. Nach einer Entführung baut er sich einen Hightech-Anzug und erfindet sich als Held wider Willen neu.
Robert Downey Jr. spielt Stark nicht als moralisch geläuterten Saubermann. Sein Iron Man bleibt eitel, größenwahnsinnig und abhängig vom eigenen Applaus. Gerade deshalb wird er zum Zentrum der ersten MCU-Jahre. Marvel findet hier jenen Ton, den das Studio später bis zur Erschöpfung pflegen wird: große Action, gebremst durch Selbstironie.
Nach dem Abspann wartet eine kurze Szene. Damals war sie eine Zugabe. Tatsächlich enthielt sie ein Versprechen: Dieser Held sollte nicht lange allein bleiben.
„The Avengers“ (2012) oder: Die Superheldensupertruppe
Iron Man, Thor, Captain America, Hulk, Black Widow und Hawkeye in einem Film: Marvel hatte ihre Auftritte über mehrere Jahre vorbereitet. Nun wurde aus der Planung ein Geschäftsmodell.
Der Film lebt davon, dass seine Helden einander zunächst kaum ertragen. Tony Stark hält wenig von Autoritäten. Steve Rogers glaubt an Pflicht und Disziplin. Thor muss verhindern, dass sein Bruder Loki die Erde unterwirft – und bringt damit mehr als bloß familiäre Verstimmungen aus Asgard mit.
Erst aus den Konflikten entsteht ein Team. „The Avengers“ erklärt damit das eigentliche Erfolgsgeheimnis des MCU: Nicht jeder Film muss alles erzählen. Er muss nur das Gefühl erzeugen, Teil von etwas Größerem zu sein. Marvel verkaufte fortan nicht bloß Helden, sondern auch die Aussicht, dass sie einander irgendwann begegnen.
„Guardians of the Galaxy“ (2014) oder: Die Welt ist nicht genug
Bis dahin wurde das MCU vor allem von Milliardären, Soldaten und Göttern bevölkert. „Guardians of the Galaxy“ schickt eine Gruppe damals weitgehend unbekannter Außenseiter ins All: Peter Quill, Gamora, Drax, den sprechenden Waschbären Rocket und Groot, einen Baum mit sehr überschaubarem Wortschatz.
Regisseur James Gunn gibt der seltsamen Truppe einen eigenen Ton. Zu Kämpfen um das Schicksal der Galaxis erklingen Popsongs aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Die Figuren retten das Universum, sind aber schon damit ausgelastet, ihre Ersatzfamilie zusammenzuhalten.
Für Einsteiger ist der Film wichtig, weil er den kosmischen Teil des MCU öffnet und die mächtigen Infinity-Steine stärker ins Zentrum rückt. Vor allem beweist er, dass Marvel auch aus Comicfiguren, die kaum jemand kannte, eine Marke machen konnte – sofern man sie nicht wie Produkte aus derselben Fabrik behandelte.
Zurück auf der Erde wartet unterdessen bereits jener Streit, in den bald auch Spider-Man geraten wird.
„Captain America: Civil War“ (2016) oder: Spider-Man kommt ins Spiel
Eigentlich trägt der Film Captain America im Titel. Tatsächlich ist „Civil War“ beinahe ein „Avengers“-Teil. Nach den Zerstörungen der vorangegangenen Filme sollen die Superhelden staatlicher Kontrolle unterstellt werden. Tony Stark unterstützt den Plan, Steve Rogers lehnt ihn ab. Die Helden teilen sich in zwei Lager.
Damit bekommt das MCU Risse. Die Figuren kämpfen nicht mehr nur gemeinsam gegen Bösewichte, sondern gegeneinander – und zwar nicht, weil einer von ihnen plötzlich dem Wahnsinn verfällt, sondern weil beide Seiten nachvollziehbare Gründe haben.
Für den aktuellen Anlass ist vor allem ein Auftritt entscheidend: Tom Holland gibt hier sein Debüt als Peter Parker. Tony Stark holt den begeisterten Teenager in einen Konflikt, dessen Tragweite dieser kaum überblickt. Wer wissen möchte, wie diese Version von Spider-Man ins MCU kam, muss hier beginnen.
„Avengers: Infinity War“ (2018) oder: Es wird finster
Zehn Jahre nach „Iron Man“ führt Marvel fast alles zusammen, was bis dahin aufgebaut wurde. Die Avengers treffen auf Doctor Strange und die Guardians, Figuren aus verschiedenen Reihen teilen plötzlich Schauplätze, Gegner und Pointen.
Im Zentrum steht Thanos. Der Gegenspieler sucht nach den sechs Infinity-Steinen, die ihm Macht über das gesamte Universum verleihen sollen. Seine Geschichte war zuvor in mehreren Filmen vorbereitet worden – mal ausführlich, mal in der für Marvel typischen Kürze einer Szene nach dem Abspann.
„Infinity War“ ist weniger ein eigenständiger Film als die Schlussfolge einer sehr teuren Serie. Die vier zuvor genannten Stationen reichen nicht aus, um jede Anspielung und jede Figur zu kennen. Sie vermitteln aber das Prinzip. Der Rest ist Marvel-Kompetenzprüfung mit offenem Buch.
„Avengers: Endgame“ (2019) oder: Finale ohhh
„Endgame“ führt die Geschichte von „Infinity War“ zu Ende und schließt zugleich die erste große MCU-Epoche ab. Der Film blickt auf elf Jahre Marvel-Kino zurück, greift frühere Abenteuer wieder auf und verabschiedet Figuren, die dieses Universum seit seinen Anfängen getragen haben.
Gerade deshalb ist „Endgame“ kein geeigneter Anfang. Es ist der Abschluss, auf den die bisherigen Filme zulaufen. Vieles funktioniert nur, weil das Publikum weiß, wer diese Figuren sind, was sie verloren haben und worüber sie seit Jahren streiten.
Marvel nennt diese erste große Erzählung die „Infinity Saga“. Für viele Zuschauer endete damit auch jene Phase, in der man noch einigermaßen sicher sein konnte, den Überblick zu besitzen.
Umweg oder Abkürzung: Der Weg zu „Brand New Day“
Wer ausschließlich wegen Spider-Man kommt, darf an der Marvel-Universität abkürzen. Die knappste Route führt über Peter Parkers Debüt in „Captain America: Civil War“ und seine drei bisherigen Soloabenteuer mit Tom Holland – „Spider-Man: Homecoming“, „Spider-Man: Far From Home“ und „Spider-Man: No Way Home“.
Ganz ohne Wissenslücken funktioniert diese Abkürzung allerdings nicht. Zwischen „Homecoming“ und „Far From Home“ liegen „Avengers: Infinity War“ und „Avengers: Endgame“. Sie erklären, was Peter und der übrigen Welt widerfahren ist – und weshalb (Achtung: Spoiler!) Tony Stark in „Far From Home“ so schmerzlich fehlt.
Vor allem „No Way Home“ ist für den neuen Film entscheidend. Er schafft die Ausgangslage, an die „Brand New Day“ vier Jahre später anknüpft. Mehr soll hier nicht verraten werden. Ein Doktorat im Multiversum ist dennoch nicht nötig.
Ein Genre in der Krise?
Der neue Spider-Man startet in einer Phase, in der Marvel seinen Status als verlässlicher Erfolgsgarant verloren hat. Nach „Endgame“ kamen neue Helden hinzu, Figuren wanderten zwischen Kino und Streaming, das Multiversum produzierte immer neue Varianten bekannter Welten. Zunehmend entstand der Eindruck, zum Verständnis eines Films müsse man vorsorglich auch mehrere Serien, Specials, Post-Abspann- und Post-post-Abspann-Sequenzen studiert haben. Außerdem wurde nach mehr als 15 Jahren auch eine gewisse Superhelden-Fatigue spürbar. Vielleicht wurde der eine oder andere Fan auch einfach erwachsen.
Das Interesse jedenfalls sank. „The Marvels“ spielte 2023 weltweit „nur“ rund 206 Millionen US-Dollar ein – weniger als jeder andere MCU-Film. „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ erreichte rund 476 Millionen. 2025 kamen „Captain America: Brave New World“ auf etwa 415 Millionen und „Thunderbolts*“ auf rund 382 Millionen Dollar. Für gewöhnliche Filme wären das Vermögen. Für Produktionen dieser Größenordnung waren es mehr Warnsignale. Zumal nicht nur die Produktion von Marvel-Filme teuer ist, sondern auch die globalen Werbekampagnen für die Filme Unsummen kosten.
Es gab aber auch Ausnahmen: Die Sony-Marvel-Produktion „Spider-Man: No Way Home“ spielte mehr als 1,9 Milliarden Dollar ein, „Deadpool & Wolverine“ rund 1,3 Milliarden. Das Publikum erschien nur nicht mehr automatisch zu jedem Kapitel. Marvel musste plötzlich wieder Gründe liefern.
Disney kündigte deshalb eine Kurskorrektur an. Konzernchef Bob Iger nannte als Ziel etwa zwei Marvel-Serien sowie zwei, höchstens drei Kinofilme pro Jahr. Das Studio, das jahrelang auf immer mehr Verbindungen gesetzt hatte, entdeckte den Reiz der Auslassung.
Und wie geht es danach weiter?
„Spider-Man: Brand New Day“ ist nun der nächste Test. Danach sollen „Avengers: Doomsday“ im Dezember 2026 und „Avengers: Secret Wars“ ein Jahr später die auseinanderlaufenden Geschichten wieder bündeln. Robert Downey Jr. kehrt dafür zurück – nicht als Iron Man, sondern als Doctor Doom. Marvel reagiert auf die Krise also ausgerechnet mit jenem Gesicht, von dem es sich in „Endgame“ so wirkungsvoll verabschiedet hatte.
Auch „Ghost Rider“ mit Superstar Ryan Gosling und „Black Panther 3“ sind bereits angekündigt. Doch zunächst muss Marvel beweisen, dass aus vielen bekannten Namen wieder eine Geschichte werden kann.
Der Marvel-Schriftzug allein reicht längst nicht mehr. Vielleicht hilft ja Spider-Man. Der weiß immerhin, wie man Fäden zusammenhält. (APA, dpa, TT)
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