Fünf Jahre Taliban-Herrschaft: Ohne die Frauen läuft’s in Afghanistan nicht gut
Seit fünf Jahren regieren in Kabul wieder die Taliban. Seither geht es in dem zentralasiatischen Land bergab. Besonders schlimm trifft es Frauen. Doch gerade sie zeigen, wie wichtig sie für das Land wären.
Langsam schält Rukia Resai rötliche Seifenstücke aus einer Silikonform und stapelt sie aufeinander. Es riecht nach frischen Kräutern, nach Safran und Kurkuma. Vor vier Jahren hat die 21-Jährige die kleine Seifen-Manufaktur in der westafghanischen Stadt Herat gegründet. Sie durfte unter den Taliban nicht studieren, musste die Schule in aller Eile beenden und ihr Vater hatte sein Geschäft verloren. Jetzt arbeiten acht Angestellte regelmäßig für Resai, bei hoher Auftragslage noch mehr.
Durch die Arbeit hätten sie und ihre Schwestern aus einer schweren Zeit gefunden. „Insgesamt hat sich durch diese Arbeit die mentale Gesundheit unserer ganzen Familie verbessert“, sagt Resai.
Doch im Land verschlimmert sich die humanitäre Lage seit der Übernahme der Taliban vor fünf Jahren immer weiter. Und über allem schweben die Restriktionen, die die Taliban im Alltag auferlegen – insbesondere für Frauen. So dürfen diese eigentlich nicht mehr in Büros arbeiten, müssen von Männern auf ihren Wegen begleitet werden und sich voll verschleiern. Dazu kommt eine unterschiedliche Durchsetzung der Regelungen in den Provinzen und Willkür.
Als Mann verkleidet
Ghoncheh Karimi weiß das sehr genau. Die 39-jährige Imkerin verkleidet sich seit der Machtübernahme der Taliban jeden Tag als Mann, um 15 Kilometer auf ihrem Motorrad zu ihren Bienenstöcken im Umkreis Herat zu fahren. Einmal sei sie von den Taliban wegen ihrer Verkleidung festgenommen worden. In einer Befragung sei sie gefragt worden, ob sie keine Angst vor der neuen Regierung habe. „Anstatt meinen Körper zu verkaufen, habe ich mich entschieden Männerklamotten zu tragen, mein Motorrad zu fahren, zur Arbeit zu gehen, ehrliches Geld zu verdienen und meiner Familie Essen auf den Tisch zu bringen“, habe Karimi geantwortet. Dann sei sie freigelassen worden.
Vor 18 Jahren hat sie mit dem Imkern angefangen. Mittlerweile unterhält sie 120 Bienenstöcke und bildet Männer wie Frauen in dem Handwerk aus. Sie könne nicht nur alle Ausgaben der Familie mit den Einnahmen stemmen, sondern sei jüngst auch für eine Augenoperation ihres Sohnes aufgekommen. „Heute bin ich stolz zu sagen, dass ich mit dem Verkauf von Honig beitragen kann, dass meine Kinder ihre Träume erreichen können.“
Latif Nasari, stv. afghanischer Wirtschaftsminister, sagte der Deutschen Presse-Agentur, sein Ministerium unterstütze Unternehmen von Frauen innerhalb islamischer Normen. Frauen seien in klein- und mittelständischen Unternehmen tätig und „soweit erforderlich“ etwa an Flughäfen, bei Banken oder Sicherheitsgewerben. Afghanistan wolle nachhaltiges Wirtschaftswachstum erreichen und daran wirkten Frauen unter Beachtung nationaler Werte mit, so Nasari. Tatsächlich erhalten Frauen jedoch kaum noch Arbeitsberechtigungen für Anstellungsverhältnisse.
Der Privatsektor trage derzeit das zarte Wirtschaftswachstum in Afghanistan, schreibt die Weltbank in einer Analyse. Von Frauen geführte Unternehmen schnitten dabei sehr viel besser ab als die von Männern: Nicht nur wachse ihr Absatz stärker, sie stellten auch viel schneller Angestellte ein. Der Wirtschaft könnte es sehr viel besser gehen, würden Frauen nicht so vielen Restriktionen unterliegen, heißt es.
Heuer seien die Einschränkungen der Taliban aber noch schlimmer geworden, berichtet Resai. Und doch: „Leute sollten nicht darauf warten, dass jemand kommt und sie rettet. Die werden nicht kommen. Menschen können sich nur selbst retten.“ (TT, dpa)
Schulverbot trifft 2,4 Millionen afghanische Mädchen
Mehr als die Volksschule dürfen Frauen unter den Taliban nicht absolvieren. 2,4 Millionen Mädchen, so schätzt die UNO-Bildungs- und Kulturorganisation UNESCO, sind von einer weiterführenden Schulbildung ausgeschlossen. Bis 2030 könnte die Zahl gar auf knapp vier Millionen steigen, warnt die Organisation mit Sitz in Paris. Die UNESCO bezieht sich bei der Schätzung auf die Zahl der Mädchen, die bereits an einer weiterführenden Schule eingeschrieben waren und diese nach der Machtübernahme verlassen mussten, sowie Mädchen, die die Volksschule nun erfolgreich abschließen.
Die Restriktionen für Mädchen und Frauen sind aus Sicht der UNESCO schwere Verstöße gegen die Menschenrechte. Ihr Ausschluss berge das Risiko, die Armut im Land zu verschärfen und Potenzial ungenutzt zu lassen. Die Mädchen liefen Gefahr, früher zu heiraten; das Verbot weiterzulernen, verschlechtere zudem ihr Wohlergehen.
Die UNESCO setzt sich in mehreren Gegenden dafür ein, alternative Lernangebote zu schaffen. Mehr als 69.000 Menschen nahmen seit 2021 daran teil, 70 Prozent von ihnen waren Mädchen und Frauen. (APA)
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