Mehrere Tote bei neuen russischen Angriffen in der Ukraine
Bei schweren russischen Luftangriffen auf Kiew und die umliegende Region sind am Donnerstag mindestens 16 Menschen getötet und mehr als 40 verletzt worden. Die ukrainische Luftwaffe teilte mit, Russland habe Dutzende Marschflugkörper sowie ballistische Raketen, Hyperschallraketen und 168 Drohnen abgefeuert. Die Luftabwehr fing demnach fast 90 Prozent der Drohnen und die meisten Marschflugkörper ab. Die Angriffe erfolgten sowohl in der Nacht als auch untertags am Donnerstag.
Im Kiewer Stadtteil Solomjanskyj wurden die oberen Etagen eines neunstöckigen Wohnhauses zerstört. Dort waren die meisten Todesopfer in der Hauptstadt zu beklagen, wie Bürgermeister Vitali Klitschko mitteilte. Er rief für Freitag einen Trauertag aus. Zudem wurden in zwei weiteren Stadtteilen eine Schule, ein Kinderkrankenhaus sowie Lagerhallen beschädigt. Drohnentrümmer seien auch auf ein Geschäftszentrum gestürzt. Ein Toter und zwei Verletzte seien am Donnerstag untertags gefunden worden, Rettungskräfte setzten die Suche in dem Gebäude fort. Klitschko sprach von einem gezielten Angriff auf die kritische Infrastruktur. In zwei Stadtteilen könne es zu Unterbrechungen der Warmwasserversorgung kommen.
Der ukrainische Ministerpräsident Sergij Korezkyj erklärte, dass bei dem fast neunstündigen Beschuss auch Lebensmittellager und Einrichtungen des Roten Kreuzes im Umland von Kiew beschädigt wurden. In einigen Supermärkten der Hauptstadt war frisches Obst und Gemüse zuletzt zeitweise knapp geworden, nachdem Treffer die Logistiklager von Lebensmittelhändlern beschädigt hatten. In der Region um Kiew kam den Behörden zufolge ein weiterer Mensch ums Leben.
Auch Kramatorsk in der Ostukraine wurde nach Behördenangaben tagsüber angegriffen. Dabei seien elf Menschen verletzt worden, teilte der Militärverwalter des Gebietes Donezk, Wadym Filaschkin, bei Telegram mit.
Die russischen Angriffe richteten sich auch gegen die Schwarzmeerregion Odessa. Russische Streitkräfte haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau zwei Schiffe im ukrainischen Schwarzmeerhafen Tschornomorsk angegriffen und getroffen. Die Schiffe hätten Munition und militärische Ausrüstung geladen, teilt das Ministerium in Moskau mit.
Die wiederholten Attacken auf die Hafeninfrastruktur und Schiffe die ukrainischen Agrarexporte in den vergangenen Wochen nahezu zum Erliegen gebracht, was die weltweiten Lebensmittelpreise unter Druck setzt.
Angesichts der verstärkten russischen Attacken forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Verbündeten erneut auf, die Bestände an Patriot-Abwehrraketen aufzustocken. Dies ist das einzige System im ukrainischen Arsenal, das ballistische Raketen bekämpfen kann. "Die Abfangraketen für Patriot-Systeme sind noch nicht aufgefüllt worden, und sie werden jeden Tag gebraucht", erklärte Selenskyj auf Telegram. "Jede zusätzliche Rakete rettet das Leben unserer Landsleute." Moskau werde nicht ernsthaft über Frieden verhandeln, solange die Ukraine ihre Städte nicht verteidigen könne.
Die von den USA vermittelten Gespräche zur Beendigung des vierjährigen Krieges waren Anfang des Jahres ins Stocken geraten, da sich die Ukraine weigerte, russischen Forderungen nach Gebietsabtretungen nachzugeben. "Leider ist die Reaktion der Welt auf solche Schläge nicht immer angemessen", fügte Selenskyj hinzu. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte auf der Plattform X als Reaktion auf Selenskyjs Botschaft, sie arbeite mit den Mitgliedstaaten und Partnern zusammen, um der Ukraine Mittel zur Abwehr ballistischer Raketen bereitzustellen. Dies habe höchste Priorität.
Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, die Schläge auf Kiew und die Umgebung hätten unter anderem Anlagen zur Herstellung von Drohnenbauteilen, ein Militärdepot und ein Logistikzentrum getroffen. Unterdessen setzt auch die Ukraine ihre Offensive gegen russische Ölanlagen und Logistikstrukturen fort. Der ukrainische Generalstab gab bekannt, die Ölraffinerie Taneco sowie ein Ölterminal in der Region Krasnodar getroffen zu haben. Die Behörden in der russischen Region Tatarstan, rund 1.000 Kilometer östlich von Moskau, meldeten nach einem ukrainischen Drohnenangriff Störungen in einem Industriekomplex in der Stadt Nischnekamsk sowie Schäden an Wohngebäuden.
Russische Truppen haben in der ostukrainischen Region Donezk die Ortschaften Mykolajipillja und Matjaschewe eingenommen. Dies meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Berichte aus dem Kampfgebiet nicht unabhängig überprüfen.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha berichtete laut der Nachrichtenagentur Ukrinform von Kontakten mit Rumänien und Moldau wegen russischer Luftraumverletzungen. Die drei Länder würden sich koordinieren, um eine starke und effektive Antwort zu geben. Ein rumänischer Kampfjet schoss am Donnerstag eine mit Sprengstoff beladene Seedrohne ab. Vergangene Woche ist eine Drohne in Moldaus Luftraum eingedrungen.
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