"La Calisto" in Wien: Theaterzauber adelt Sexklamotte
Das Musiktheater an der Wien hat die neue Saison mit einem riesigen Flop begonnen. Zumindest bei der Uraufführung 1651 fiel die Oper Francesco Cavallis gnadenlos durch. Und man ahnte auch am Mittwochabend angesichts so mancher Längen und Kanten des Werks, warum. Dennoch entfaltet Hausherr Stefan Herheim mit seiner Inszenierung einen so schlicht berückend schönen Theaterzauber, als wollte man in der laufenden Spardebatte unter Beweis stellen, was am Haus alles möglich ist.
Bisweilen husst manch werkkonservativer Opernfreund ja bei Missfallen über eine Inszenierung, dass man immerhin die Augen zumachen und nur die Musik hören könne. Im Falle der neuen "Calisto" an der Wien erwiese sich dies als schwerer Fehler. Augen auf und zur Not lieber die Ohren zumachen. Nicht, weil Christina Pluhars Originalklangensemble L'Arpeggiata nicht Spielfreude und Klangverliebtheit im Graben zeigen und auch mal ins Jazzige rutschen würde, während Herheim die Choreo der "West Side Story" zitiert. Nicht, weil die Sängerriege keine gute Leistung abliefern würde. Sondern deshalb, weil man über weite Strecken schlicht nichts verpassen würde. So besteht das venezianische Werk in der großen Mehrzahl aus Semirezitativen, die Arien sind sparsam gesät und kurz gehalten.
So entspinnt sich über gut drei Stunden hinweg eine Art sexuell noch aufgeladenerer "Sommernachtstraum" im musikalisch begleiteten Sprechgesang, eine Sexklamotte über einen bunten Haufen der Leidenschaften. Jupiter will Calisto, Calisto will die keusche Diana, Diana will Endimione. Immerhin will Endimione im Gegenzug Diana (auch, wenn es sich nur um den verkleideten Jupiter handelt), die aber auch Pane begehrt ... Die Irrungen und Wirrungen sind groß, bis am Ende die von der eifersüchtigen Juno in eine Bärin verwandelte Calisto von Jupiter an den Sternenhimmel emporgehoben wird und die beiden Liebenden einander zwischen den Sternen treffen können.
Für diesen Reigen hat Stefan Herheim die passende Besetzung, liefert Marcel Beekman nach seiner legendären "Platée" doch die nächste Humorrolle als Wuchtbrumme Linfea ab oder stellt Vera-Lotte Boecker in der Titelpartie eine selbst in den Koloraturen schnörkellose, sichere Bank dar. MaW-Stammgast und Counter Jake Arditti muss sich als ziegenbockiger Satirino weder in der Frage des durchtrainierten Körpers noch beim Tanzen hinter der im Volleinsatz befindlichen Tänzerriege verstecken, und der Schweizer Bassbariton Milan Siljanov darf als Jupiter den halben Abend als Crossdresser im Diana-Look in ein ganz anderes Stimmfach entschweben.
Dennoch setzen Herheim und seine Bühnenbildnerin Silke Bauer weniger auf Klamauk als manch andere "Calisto"-Inszenierungen, sondern stellen diesen Reigen in eine hochästhetische Bühnenmaschinerie. Eine vulvaeske Bühnenöffnung weitet sich zu Beginn alsbald zu einer Mischung aus Walgerippe und der Auftaktsequenz von James Bond. Sie wird über den Abend hinweg in Windeseile zum Sternenhimmel mutieren, sich zum Wald wandeln oder schlicht Farbräusche bieten.
Was am Ende bleibt, ist deshalb ungeachtet mancher Länge, mancher musikalischer Monotonie ein Schauwert der Sonderklasse. Muss man "La Calisto" heute noch für die Bühne inszenieren? Nein. Aber wenn man es macht, dann so.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
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