Vortrag am Donnerstag

Über Suizid reden: Fachärztin und Hinterbliebene erklärt, warum Tabuisierung niemandem hilft

Christiane Engelhardt hat auch ein Buch über ihre „Lebensaufgabe“ geschrieben, das 2023 erschienen ist.
© Engelhardt

Christiane Engelhardt ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und selbst Hinterbliebene. Am Donnerstag spricht sie in Kufstein auf Einladung der Psychosozialen Dienste Tirol darüber, wie ein Suizid das Leben für Hinterbliebene verändert und wie man damit umgehen kann.

Kufstein – Wie kann das Leben weitergehen, wenn das eigene Kind entschieden hat, nicht mehr leben zu wollen? Diese Frage hat Christiane Engelhardt in den vergangenen 29 Jahren sowohl persönlich als auch beruflich tiefgehend beschäftigt. „Meine Tochter hat sich im Alter von 13 Jahren das Leben genommen“, teilt sie das, was für viele anderen Betroffenen beinahe unaussprechlich ist: Den Tod eines geliebten Menschen durch Suizid.

Dabei sei genau das, also das Sprechen darüber, von größter Bedeutung, um das eigene Trauma zu bewältigen, ist Christiane Engelhardt nicht nur als Betroffene, sondern auch als Fachärztin sicher. „Durch dieses einschneidende Erlebnis hat sich mein Leben für immer verändert“, sagt Engelhardt heute, 29 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter. „Damit umzugehen, aber auch mit anderen Betroffenen zu arbeiten, ist dadurch zu meinem Lebensinhalt geworden.“ Daher trage auch das Buch, das sie im Jahr 2023 zum Thema veröffentlicht hat, den Titel „Lebensaufgabe“.

Authentisch für andere Betroffene

Diesen autobiografischen Ratgeber habe sie auch deshalb geschrieben, „weil einem die Menschen anders zuhören, wenn man aus eigener Betroffenheit, aber auch wissenschaftlich fundiert erzählt“, so Engelhardt, die sich nach dem Tod ihrer Tochter auf das Fachgebiet traumatische Trauer spezialisiert hat. „Diese Authentizität bringt mich stärker auf eine Ebene mit anderen Hinterbliebenen. Es hilft Menschen dabei, Mut und Hoffnung zu finden.“ Aber auch für andere, die sich beruflich mit dem Thema befassen, soll es Hilfestellung und Anregungen bieten.

Hoffnung lässt sie die Menschen dadurch schöpfen, dass sie berichtet, wie sich ihr eigenes Leben entwickelt hat: „Am Anfang ist man im absoluten Kontrollverlust, man hat überhaupt nichts mehr. Es reißt einem den Boden unter den Füßen weg, man stellt alles in Frage.“

Am Trauma wachsen

Und dennoch: „Auch wenn ich das zuerst nicht glauben konnte: Mein ganzes Leben hat sich positiv entwickelt. Man lebt nicht nur irgendwie trostlos weiter. Man entwickelt aufgrund der Betroffenheit ungeahnte Fähigkeiten“, so Christiane Engelhardt über eine Entwicklung, die in der Fachsprache als „Traumatic Growing“, also das Wachsen am Trauma beschrieben wird.

Durch ihre eigene Offenheit, durch den Mut darüber zu sprechen, wolle sie dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren und das Stigma zu durchbrechen. „Oft ist das Reden über Suizid mit Gefühlen von Scham oder Schuld verbunden – beides bringt nichts.“ Genauso wenig, wie zu schweigen und sich zurückzuziehen.

Mutmacherin in einer Ausnahmesituation

Sie sehe ihre Aufgabe auch darin, als „Mutmacherin“ für jene zu fungieren, die sich in dieser Ausnahmesituation befinden und denken, sie könnten mit niemandem reden. „Es gibt heutzutage so gute Beratungsangebote, wir müssen Betroffenen den Raum und den Mut geben, aus der Isolation zu kommen und die Angebote anzunehmen“, so Engelhardt. Sowohl jenen, die mit einem Suizid umgehen müssen, als auch jenen, die suizidale Gedanken haben und gefährdet sind.

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Im Bereich der Suizidprävention wurde in der Vorwoche ein neues Angebot in Tirol vorgestellt: SUPRA – eine Plattform, in der Kräfte in dem Bereich gebündelt und Organisationen vernetzt werden. Ebenfalls mit dem Ziel, das „Hilfesuch-Verhalten“ von Betroffen zu steigern.

Vortrag am Donnerstag

Am Donnerstag, 24. September 2026, hält Christiane Engelhardt auf Einladung der Psychosozialen Zentren Tirol einen Vortrag in Kufstein:

Suizid. Reden wir darüber.

Wann: 24.9.2026, 19 Uhr

Wo: kubi – Bibliothek für Wissenschaft und Freizeit (Andreas-Hofer-Straße 7, 6330 Kufstein)

Der Eintritt ist frei

Inhalt: Der Suizid eines nahestehenden Menschen ist für Hinterbliebene eine schmerzhafte und einschneidende Erfahrung. Er verändert vieles – in den Betroffenen selbst, in ihren Familien und im sozialen Umfeld. Der Vortrag beleuchtet, wie Hinterbliebene mit dieser Erfahrung weiterleben und mit den Veränderungen umgehen können. Im Anschluss besteht Raum für Fragen und Austausch.

Vortragende: Dr.in Christiane Engelhardt ist Ärztin, Psychotherapeutin und hinterbliebene Mutter. Die 73-Jährige lebt und arbeitet in Deutschland und Österreich, inzwischen größtenteils am Achensee in Tirol.

Moderation: Dr.in Regina Seibl ist Erziehungswissenschaftlerin und Expertin für Suizidprävention.

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