Darum wirft fast ein Zehntel der JunglehrerInnen den Job wieder hin
Im internationalen Vergleich sind in Österreich besonders viele Lehrerinnen und Lehrer mit Arbeitsbedingungen und Gehalt zufrieden. Bei den JunglehrerInnen ist die Lage aber anders: Laut der neuen OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ haben neun Prozent der Berufsneulinge mit klassischer Lehrerausbildung den Job hingeschmissen.
Wien, Berlin – Die jährlich erscheinende OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ vergleicht Bildungssysteme weltweit. Insgesamt sind in Österreich im Schuljahr 2024/25 nur drei Prozent der voll qualifizierten Lehrkräfte aus dem Beruf ausgestiegen, aber mehr als zwei Drittel davon waren Junglehrer mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung.
Auch in Luxemburg oder im französischsprachigen Teil Belgiens machen Junglehrer gut zwei Drittel der Aussteiger aus – das sind doppelt so viele wie im Schnitt der 14 OECD-Staaten, aus denen entsprechende Daten gemeldet wurden. Als mögliche Gründe werden in der Studie Arbeitsbelastung, (zu wenig) Unterstützung beim Berufseinstieg und ganz allgemein die Attraktivität der Lehrerlaufbahn für die Jungen genannt.
Bestätigung früherer Erhebungen
Für Österreich haben schon frühere Erhebungen gezeigt, dass Junglehrer im Job besonders belastet sind: Sie werden öfter in schwierigen Klassen eingesetzt als ihre erfahreneren Kollegen. Dabei fühlen sich nur vier von zehn nach der Ausbildung gut auf ihren Job vorbereitet, hat die OECD-Lehrerstudie TALIS erst im Vorjahr gezeigt. Der Lehrermangel hat in den vergangenen Jahren außerdem dazu geführt, dass Junglehrer selbst dann viele Stunden im Klassenzimmer stehen oder Zusatzaufgaben wie den Klassenvorstand übernehmen müssen, auch wenn sie nebenbei noch studieren. Seit vergangenem Schuljahr gibt es deshalb neue Schutzbestimmungen, um eine Überlastung zu verhindern.
Wiederkehr will Arbeitsbedingungen verbessern
Die Berufsaussteiger sind seit dem Schuljahr 2017/18 laut der Vergleichsstudie auch abseits der Junglehrer tendenziell mehr geworden. Österreich gehört dabei zu der Gruppe der Industriestaaten mit einer vergleichsweise geringen Zunahme (Anstieg von zwei auf drei Prozent), in Estland haben sich die Raten unterdessen auf knapp sieben Prozent verdoppelt und im französischsprachigen Belgien auf fast zehn Prozent verdreifacht. Gleichzeitig sind in anderen Ländern wie Lettland, Litauen, Neuseeland, Norwegen oder Schweden die Abgänge gleich geblieben oder sogar zurückgegangen.
Tendenziell zugenommen haben in den OECD-Ländern im Vergleich zum Schuljahr 2017/18 auch die Probleme bei der Personalrekrutierung. 2024/25 konnten in den 20 Industriestaaten mit verfügbaren Daten bis zu drei Prozent der Posten nicht besetzt werden. Für Österreich wird in der Studie eine Lücke von nur einem Prozent ausgewiesen.
Immer mehr ohne klassische Ausbildung
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) sprach am Dienstag in einer Aussendung zwar angesichts des internationalen Lehrermangels von einer „guten Ausgangslage“ in Österreich. Gleichzeitig müsse sein Ressort dafür sorgen, dass junge Lehrerinnen und Lehrer langfristig im Beruf bleiben.
Geht es um Lehrermangel, sollten laut den Autorinnen und Autoren von „Bildung auf einen Blick“ zusätzlich auch längerfristige Personalausfälle mitgedacht werden: Im Schuljahr 2024/25 sind in Österreich zehn Prozent der voll qualifizierten Lehrkräfte für mindestens zwei Monate nicht in der Klasse gestanden. Ein großer Anteil waren Elternkarenzen, über 20 Prozent entfielen allerdings auf unbezahlten Urlaub und zehn Prozent auf Sabbaticals. Unter den elf Ländern mit Vergleichsdaten liegt Österreich damit an erster Stelle vor Südkorea (9) und Irland (8), in Estland oder der Slowakei sind es knapp zwei Prozent.
Noch einmal gestiegen ist in Österreich der Anteil an Pädagoginnen und Pädagogen ohne klassisches Lehramtsstudium: Im Vergleich zu 2017/18 hat sich der Anteil an nicht voll ausgebildeten Lehrkräften verdoppelt und lag zuletzt bei jeweils knapp sieben Prozent sowohl in der Volksschule als auch in der Sekundarstufe (Mittelschule, AHS, Berufsbildende mittlere und höhere Schulen/BMHS). Im Vergleich zum Schuljahr 2022/23 sind die Zahlen damit noch einmal gestiegen, damals waren es fünf bzw. sechs Prozent. Im OECD-Schnitt hatten zuletzt acht Prozent keine klassische Lehrerausbildung.
Erst berufsbegleitend pädagogische Ausbildung
Unter den Sekundarstufenlehrern sind in Österreich laut der OECD-Studie mittlerweile sieben Prozent Quereinsteiger, die erst berufsbegleitend eine pädagogische Ausbildung bekommen. Früher war das Modell nur in den fachpraktischen Fächern in Berufsschulen und BMHS üblich, erst seit 2022 gibt es das Modell für Personen mit passendem Studium und einschlägiger Berufserfahrung auch für allgemeinbildende Fächer (u. a. Deutsch, Geschichte) in der gesamten Sekundarstufe.
Nur ein Fünftel fühlt sich ausreichend wertgeschätzt
Die Autoren von „Bildung auf einen Blick“ empfehlen den OECD-Staaten zusätzliche Maßnahmen wie mehr Unterstützung, mehr Entscheidungsspielraum, Karriereoptionen und vor allem mehr Anerkennung für den Lehrberuf, wenn dieser trotz wachsender Konkurrenz um Fachkräfte attraktiv bleiben soll. Derzeit fühlt sich gerade einmal ein Fünftel der Lehrkräfte von der Gesellschaft ausreichend wertgeschätzt.
Berufliche Anerkennung sei allerdings ein gewichtiger Faktor, ob Lehrer einen Berufswechsel ins Auge fassen. Gleichzeitig fordert die OECD Strategien ein, um mit der geringeren Zahl an Lehrern, die den Schulen in Zeiten eines generellen Fachkräftemangels zur Verfügung stehen, besser auszukommen: Sie sollen durch digitale Lösungen, mehr Unterstützungspersonal und weniger Papierkram für ihre eigentlichen Aufgaben freigespielt werden. Diesbezügliche Pläne hat das Bildungsministerium bereits vor einiger Zeit angekündigt. (TT, APA)
Kommentare