Nicht für tot erklärt

Komplikationen bei Hinrichtung in Tennessee: Frau lebt nach zwei Giftspritzen noch

Christa Pike verbrachte 30 Jahre im Todestrakt.
© APA/AFP/Tennessee Department of Correction

Bei der ersten geplanten Hinrichtung einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren ist es zu Komplikationen gekommen. Nachdem Christa Pike die beiden Hinrichtungsversuche überlebte, wurde die 50-Jährige in einem Spital behandelt.

Bei der Vollstreckung der ersten Hinrichtung einer Frau seit mehr als 200 Jahren im US-Staat Tennessee ist es Mittwochabend (Ortszeit) zu Komplikationen gekommen. Die wegen Mordes verurteilte Christa Pike lebte laut ihren Verteidigern auch noch nach der Verabreichung zweier Giftspritzen. Zuvor hatte das Oberste US-Gericht einen Vollstreckungsstopp außer Kraft gesetzt. Nachdem Pike die beiden Hinrichtungsversuche überlebte, wurde die 50-Jährige in einem Spital behandelt.

Ihr Zustand sei ihnen nicht mitgeteilt worden, teilten Pikes Verteidiger mit. Der Gouverneur von Tennessee setzte den Vollzug von Todesstrafen vorerst aus und ordnete eine Untersuchung an. Die Organisation Death Penalty Information Center (DPIC) bezeichnete Pikes Fall als „den schlimmsten“, den sie je verzeichnet habe.

Journalisten hinausgewiesen

Mehrere Augenzeugen berichteten, dass Pike nach dem Verabreichen einer Giftspritze weiter atmete. Eine Journalistin der Nachrichtenagentur Associated Press, Kim Chandler, sagte dem Sender CBS News, dass die 50-Jährige zu Beginn der versuchten Hinrichtung noch bei Bewusstsein war. „Irgendwann fragte sie die Vollzugsbeamten, ob sie sich denn so fühlen solle.“ Nachdem sich die Vorhänge der Todeskammer schlossen, sei zu hören gewesen, wie Pike „laut schnarchte“ und „eindeutig sehr lebendig“ gewesen sei. Die anwesenden Medienvertreter seien dann aufgefordert worden, den Bereich zu verlassen.

Nur wenige Stunden vor Beginn der Hinrichtung hatte das Oberste Gericht der USA die Anordnung eines Berufungsgerichts vom 30. September aufgehoben. Dieses hatte Pikes Exekution kurzfristig ausgesetzt, um die Argumente für und gegen die Todesstrafe noch einmal zu prüfen.

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Debatte um Todesstrafe für jugendliche Täter

Der Fall hat eine Debatte um die Todesstrafe für jugendliche Straftäter neu entfacht. Pike hatte 1995 mit ihrem Freund ihre 19-jährige Klassenkameradin Colleen Slemmer getötet. Der Fall erregte landesweites Aufsehen, weil die Leiche mit einem Pentagramm auf der Brust aufgefunden wurde, das als satanisches Zeichen gilt.

Pikes Anwälte forderten eine Begnadigung, weil sie die Tat im Alter von nur 18 Jahren beging und als Opfer langjährigen sexuellen Missbrauchs unter psychischen Problemen litt. Zudem hatten sie angeführt, dass wegen einer Blutkrankheit die Hinrichtung mit einer Giftspritze „unnötiges Leiden“ verursachen würde. Nach der gescheiterten Hinrichtung erklärten sie, sie würden „keine Befriedigung aus dem Umstand ziehen“, dass sie Recht gehabt hätten.

Die Leiterin des auf die Dokumentation von Todesstrafen spezialisierten Informationszentrums DPIC, Robin Maher, sagte der New York Times, Pikes Fall sei anders als alle anderen gescheiterten Hinrichtungen in der modernen Zeit. „Es gibt keinen Präzedenzfall.“ Die Justizvollzugsbehörden von Tennessee erklärten, sie hätten „jeden Schritt des legalen, festgelegten Hinrichtungsprotokolls des Staates“ befolgt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, Pikes Fall zeige abermals, „dass es keine humane Hinrichtungsmethode gibt“.

Gouverneur ordnete Untersuchung an

Der republikanische Gouverneur des Bundesstaates, Bill Lee, ordnete nach Pikes fehlgeschlagener Exekution eine „umfassende, unabhängige“ Untersuchung an. Die noch in diesem Jahr angesetzte Hinrichtung werde nicht vollstreckt werden. Am 3. Dezember sollte der verurteilte Mörder Gary Wayne Sutton getötet werden. Erst im Mai war in Tennessee eine Hinrichtung mit einer Giftspritze gescheitert, als das medizinische Personal keine Vene des Verurteilten punktieren konnte.

In den Vereinigten Staaten wurden seit Wiederzulassung der Todesstrafe im Jahr 1976 nach Angaben des Informationszentrums DPIC insgesamt 18 Frauen hingerichtet. Christa Pike war nach Angaben der offiziellen Webseite der Regierung von Tennessee die einzige Frau, die derzeit im Todestrakt des Bundesstaats im Südosten der USA eine Strafe verbüßte. Laut der Forschungseinrichtung Cornell Center on the Death Penalty Worldwide ist sie auch die erste Frau seit 1819, die in Tennessee hingerichtet werden sollte.

Der Vollstreckung am Mittwochabend (Ortszeit) war ein juristisches Tauziehen vorausgegangen. Zunächst war die Hinrichtung per Giftspritze kurz vor dem Vollzug gestoppt worden. Dann gab der Supreme Court, das oberste US-Gericht, einem Eilantrag der für die Gefängnisse zuständigen Behörde des Bundesstaats statt und setzte damit den von einer unteren Instanz verhängten Vollstreckungsstopp außer Kraft.

Kritik von Richterinnen am Entscheid

Die drei liberalen Richterinnen am Supreme Court hatten die Mehrheitsentscheidung des Gerichts kritisiert. In ihrer abweichenden Meinung argumentierte Sonia Sotomayor, die Entscheidung ebne dem Bundesstaat den Weg, Pike hinzurichten, bevor die Zweifel an der Rechtmäßigkeit des vorherigen Verfahrens ordnungsgemäß geprüft werden könnten. Die Richterinnen Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson schlossen sich dem an.

Sotomayor schrieb weiter, sie sehe keinen Grund dafür, den üblichen Weg dieser Überprüfung zu umgehen, „insbesondere angesichts der schwerwiegenden Folgen einer fehlerhaften Entscheidung“. Sie bezeichnete das Vorgehen als „außergewöhnlich“. (APA, AFP, dpa, TT.com)