Vergewaltigt, verprügelt, gequält: Ein Schloss als Heim des Grauens?
Hinter den Mauern von Schloss Wilhelminenberg in Wien müssen sich grausame Szenen abgespielt haben: In dem städtischen Kinderheim sollen Mädchen in den 70er Jahren regelmäßig vergewaltigt worden sein - das berichten zwei Opfer. Die Kinder wurden demnach in der inzwischen geschlossenen Einrichtung physisch und psychisch schwer missbraucht. Auch der Vorwurf der Kinderprostitution steht im Raum.
Wien - Im Wiener Kinderheim Schloss Wilhelminenberg sollen in den siebziger Jahren Mädchen von Erziehern und fremden Männern regelmäßig vergewaltigt worden sein. Zwei ehemalige Zöglinge haben schwerste Missbrauchsvorwürfe gegen Erzieher der Anstalt, bis hin zur Kinderprostitution und Serienvergewaltigung, erhoben. Kinder sollen zudem brutal geschlagen und gequält worden sein.
Kommission soll Vorwürfe prüfen
Diese Missbrauchsvorwürfe sollen nun von einer externen Kommission unter die Lupe genommen werden. Das hat der Leiter des Wiener Jugendamts, Johannes Köhler, am Montag in einer Pressekonferenz angekündigt. „Das wollen wir genau geprüft haben“, betonte er. Die betroffene Anstalt wurde im Jahr 1977 aufgelassen.
Konkret soll untersucht werden, ob die Vorwürfe, die die beiden Frauen erhoben haben, „der Tatsache entsprechen“.
Serienvergewaltigungen
In einem Interview mit der Tageszeitung „Kurier“ berichteten Eva L. und Juli K. von Vorfällen Anfang der 70er Jahre. Die beiden interviewten Frauen kamen vor etwa 40 Jahren als Sechs-bzw. Achtjährige ins Heim. Sie berichteten von Vergewaltigungen durch mehrere Männer. „Es waren mehrere Männer und mehrere Mädchen. Im Zimmer waren 20 Mädchen. Da ist jede drangekommen“, schilderte eines der Opfer. Die Vergewaltigungen habe es „manchmal täglich“ gegeben, „und dann war ein, zwei Wochen Ruhe“. An den Übergriffen sollen sich auch mehrfach die Erzieher beteiligt haben, welche für die ebenfalls im Heim untergebrachten Buben zuständig waren.
Vorwurf der Kinderprostitution
Die beiden Frauen vermuteten, dass im Zusammenhang mit den Vergewaltigungen auch Geld an die Erzieherinnen geflossen sein könnte. „Im Nachhinein kommt es mir so vor, dass jemand für uns bezahlt wurde. Weil sie uns immer zurechtgemacht haben. Wir mussten Strumpfbandgürtel anziehen und durften uns nicht die Haare schneiden lassen“, wurde eine der Heiminsassinnen zitiert.
„Ihr seid verkauft worden“
Der Verdacht der Kinderprostitution sei auch bei der Opferschutzorganisation „Weisser Ring“ ähnlich gesehen worden, sagten die beiden Frauen. „Ja, vom Weissen Ring sind wir heuer zu einer Anwältin geschickt worden. Ich habe ihr erzählt, was passiert ist. Und sie hat gesagt: ‚Ja, eindeutig, ich weiß, ihr seid verkauft worden.‘“
Anwalt fordert Entschädigung von Stadt Wien
Anwalt Johannes Öhlböck, der die beiden Frauen vertritt, fordert nun von der Stadt Wien nach dem Amtshaftungsgesetz Schadenersatz und die Übernahme von Therapiekosten. Öhlböck sagte, dass bisher ein geringer Beitrag anerkannt worden sei, „der dem Leid der Opfer nicht im Ansatz gerecht wird“. Er will auch allfällige Täter belangen, „auch wenn sich das als schwierig erweist“. Er fordere eine lückenlose Aufklärung und eine österreichweite Untersuchungskommission.
In einer Pressekonferenz will Öhlböck am Dienstag Stellung nehmen.
Erzieherinnen: „Keine sexuellen Übergriffe bemerkt“
Zwei Erzieherinnen, die in den frühen 1970er Jahren im Heim im Schloss Wilhelminenberg tätig waren, haben keine sexuellen Übergriffe auf Zöglinge bemerkt. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte die heute 72-jährige Schwester Gerti im Gespräch mit der APA. „Ich war aber entsetzt über die militanten Erziehungsmethoden dort. Zweierreihen und gemachte Betten waren wichtiger als das Kind. Das hat mir das Herz gebrochen.“
Auch ihre damalige Kollegin, Schwester Anni, hat von sexuellem Missbrauch nichts mitbekommen. „Die Häuser wurden autoritär geführt, ja, Gewalt hat es gegeben.“ Besonders zwei Erzieherinnen wurden von den beiden als „Ausnahmeerzieherinnen“ bezeichnet. Die hätten schon eine „Tachtel“ verteilt oder die Hausschuhe nach Kindern geschmissen, erzählten Schwester Gerti und Anni. (APA)