Produktive Nobelpreisträgerin „im Abseits“: Elfriede Jelinek wird 65

Trotz ihres in den vergangenen Jahren konsequent durchgehaltenen Rückzugs aus der Öffentlichkeit ist sowohl die Produktivität wie auch die Dichte der Rezeption ihres Werkes ungebrochen hoch.

Elfriede Jelinek.
© dapd

Wien – Heute feiert Elfriede Jelinek ihren 65. Geburtstag. Davon ist natürlich auf ihrer sorgsam betreuten Homepage www.elfriedejelinek.com keine Rede. Dort finden sich jedoch jede Menge Texte, in der Rubrik „Aktuelles“ etwa ihre Dankesworte zur Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises 2011 für ihre „Winterreise“. Bereits viermal wurde die österreichische Autorin in Mülheim mit einem neuen Stück zur „Dramatikerin des Jahres“ gewählt. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang und reicht von Büchner- und Lessing-Preis bis zum 2004 zuerkannten Literaturnobelpreis.

Trotz ihres in den vergangenen Jahren konsequent durchgehaltenen Rückzugs aus der Öffentlichkeit ist sowohl die Produktivität wie auch die Dichte der Rezeption ihres Werkes ungebrochen hoch. Erst Ende September wurde ihr bisher jüngster Theatertext „Licht.“, eine 40-seitige Auseinandersetzung mit der Atom-Katastrophe von Fukushima, in Köln uraufgeführt - dort, wo ihre Trilogie „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ von Kritikern zur besten Inszenierung 2011 gewählt wurde. Das unlängst erschienene „Jelinek(Jahr)Buch“ des Wiener Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, das sich u.a. mit der „Winterreise“ und dem essayistischen Werk der Autorin befasst, listet in einer Chronik auf 20 eng beschriebenen Seiten die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2010 zu Jelinek und ihren Werken auf.

Ihr Werk umfasst alle literarische Gattungen, das Theater, dem sie in Hassliebe verbunden ist, wird mit ständig neuen Texten versorgt, die sie als Textflächen ohne Rolleneinteilung gänzlich dem Regiezugriff übergibt. „Es ist kein Wollen, sondern ein Müssen“, kommentierte sie in einem APA-Interview ihr Schreiben, „ich bin eine Triebtäterin.“

„Ungemein leistungsbezogene“ Mutter

Elfriede Jelinek wurde - wiewohl Tochter eines in Wien lebenden Ehepaares - am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren. Ihre „ungemein leistungsbezogene“ Mutter habe sie zum Wunderkind „dressieren“ wollen, erklärte Jelinek einmal. Mit sechs Jahren begann sie ihren Klavierunterricht und übte schon bald an einem eigens angeschafften Steinway-Flügel. Mit 13 wurde sie jüngste Schülerin in der Musikhochschule und begann ein Orgelstudium. Später lernte sie auch Bratsche und Gitarre, mit 16 auch noch Komposition.

Nach der Matura, die sie an einer Klosterschule ablegte, studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, belegte daneben aber auch Sprachen, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Aus der für sie von der dominanten Mutter Ilona Jelinek, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 großen Einfluss auf das Leben ihrer Tochter hatte und wohl in „Die Klavierspielerin“ verewigt wurde, geplanten Musikerinnen-Karriere wurde dennoch nichts, Elfriede Jelinek wurde Autorin. Noch als Studentin veröffentlichte sie 1967 ihren ersten Gedichtband „Lisas Schatten“.

Begeisterung und heftiger Widerstand

Sowohl ihr Romandebüt „wir sind Lockvögel, baby“ (1970) als auch die Romane „Die Ausgesperrten“ (1980) und „Die Klavierspielerin“ (1983) begeisterten die Kritiker, stießen jedoch in gleichem Maße auf heftigen Widerstand. In ihrer literarischen Arbeit übt Jelinek immer wieder scharfe Kritik an der Männer- und Klassengesellschaft und setzt sich kritisch mit den Themen Sexualität, Gewalt und Macht auseinander. Aufsehen, Neugier und Widerspruch erregte besonders der Roman „Lust“ (1989). Als ihr „opus magnum“ bezeichnet sie selbst „Die Kinder der Toten“ (1995). Im Jahr 2000 erschien „Gier“, ein vieldeutiger Kriminalroman aus der österreichischen Provinz. Ihren bisher letzten Roman „Neid“ (2008) veröffentlichte sie - dank der hohen Nobelpreisdotierung auf normale Buchverkäufe nicht mehr angewiesen - nur im Internet.

„Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft“ war 1979 das erste Theaterstück Elfriede Jelineks. Es folgten „Clara S.“ (1982), „Burgtheater“ (1985), „Krankheit oder Moderne Frauen“ (1987) und „Wolken. Heim“ (1988), eine Montage aus Texten von Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel, Heidegger und Auszügen aus Briefen der RAF-Häftlinge. Um Fremdenfeindlichkeit, Heimat und Intoleranz gegenüber anderen ging es auch in ihrem szenischen Essay „Totenauberg“ (1992), der ebenso wie „Raststätte oder Sie machen‘s alle“ (1994), „Stecken, Stab und Stangl“ (1996) und „Ein Sportstück“ (1998) am Burgtheater uraufgeführt wurde.

Zunehmend wurde Elfriede Jelinek mit ihrer Verweigerung von klassischer Dramaturgie und der Entwicklung von monologartigen Textflächen zur Herausforderung der Theater, die Regisseure mit immer größerer Begeisterung annahmen. Zu Jelineks wichtigsten Regisseuren wurden Christoph Schlingensief („Bambiland“), Jossi Wieler („Macht nichts“, „Rechnitz (Der Würgeengel)“) und vor allem Nicolas Stemann („Das Werk“, „Babel“, „Ulrike Maria Stuart“, „Die Kontrakte des Kaufmanns“ u.a.).

Ihr Bestseller „Lust“ (1989), die Uraufführungen ihrer Porno-Satire „Raststätte oder Sie machen‘s alle“ durch Claus Peymann (1994) und von „Ein Sportstück“ durch Einar Schleef (1998) sowie die Verfilmung ihres 1983 erschienenen Romans „Die Klavierspielerin“ durch Michael Haneke fanden weit über die Grenzen des Literatur- und Theaterbetriebs Beachtung. Zeitungen (wie die „Kronen Zeitung“) und politische Gegner (die FPÖ plakatierte 1995 sogar den Slogan „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und Kultur?“) griffen Elfriede Jelinek immer wieder an. Neben ihrer psychischen Erkrankung war das mit ein Grund dafür, dass sich Jelinek schließlich aus dem öffentlichen Diskurs nahm und sich seither „Im Abseits“ (wie sie ihre Nobelpreisrede nannte) deutlich wohler fühlt. Der Nobelpreis habe sie „vollkommen und endgültig von der menschlichen Gesellschaft abgeschlossen“, sagte sie ein Jahr danach. „Ich finde das aber nicht so schlecht. Jetzt fühle ich mich frei.“


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