Syrien: Regierungsspitäler zu Folterkellern umfunktioniert?

Die syrische Regierung soll noch härter durchgreifen, als bisher bekannt. „Amnesty International“ berichtet von Spitälern, in denen politische Oppositionelle gefoltert werden.

Damaskus – „Ich habe Menschen gesehen, die mit einer Schusswunde im Bein eingeliefert wurden und mit einem tödlichen Kopfschuss wieder aus dem Operationssaal kamen“, erzählte ein Arzt kürzlich in einem Undercover-Beitrag des Magazins „Weltjournal“ im ORF.

Ähnliches berichtet jetzt auch die Hilfsorganisation Amnesty International in einem neuen Bericht. In syrischen Spitälern werde systematische Folter betrieben. Außerdem werden Oppositionelle in staatlich betriebenen Krankenhäusern nicht versorgt, heißt es in dem 39-seitigen Bericht der Menschenrechtsorganisation.

„Viele verletzte Zivilisten kommen zu dem Schluss, dass es sicherer für sie ist, nicht ins Krankenhaus zu gehen“, so die Verantwortlichen bei Amnesty. Die syrische Regierung widerspricht dieser Darstellung und erklärt, dass es keinerlei Folter im Land gebe.

Doch auch andere Menschenrechtsorganisationen fürchten, dass die Regierung im großen Stil lügt. So schätzt ein Experte, dass derzeit rund 30.000 Gefangene in Syrien festgehalten werden, Präsident Bashar al-Assad soll sämtliche großen Fußballstadien des Landes in Gefängnisse umgewandelt haben.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Mehr als 3000 Menschen sollen in den letzten sieben Monaten willkürlich getötet worden sein - von der Regierung wurden sie als „Terroristen“ oder „bewaffnete Gangs“ bezeichnet. Da es für Journalisten kaum Möglichkeiten gibt, nach Syrien einzureisen, lassen sich die Berichte nur schwer verifizieren. In der Regel sind aber Informationen großer Menschenrechtsorganisationen zuverlässig.

„In vielen Fällen scheint es so, als würde das Krankenhaus-Personal bei der Folter jener Personen mitmachen, die sie eigentlich pflegen und heilen sollten“, erklärt Cilina Nasser, Amnesty-Sprecherin der Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika. Konkret gebe es Folterhinweise in den Spitälern in Baniyas, Homs und Tell Kalakh. Einige Patienten sollen auch einfach verschwunden sein, berichtet ein Arzt aus Homs, der nicht identifiziert werden möchte, gegenüber der britischen BBC. Er erzählt außerdem, wie er eine Krankenschwester dabei beobachtet hat, einen 14-jährigen Verwundeten grün und blau geschlagen zu haben.

„Assad ist der Nächste“

Nachdem die Resolution gegen Syrien im UN-Sicherheitsrat wegen eines Vetos von China und Russland gescheitert ist, sind die Oppositionellen in Syrien noch verzweifelter. Die Hoffnung auf Hilfe aus dem Westen haben sie längst aufgegeben, obwohl auch zahlreiche westliche Regierungen das Vorgehen der Assad-Regierung kritisieren.

So schimpfte etwa die amerikanische Botschafterin bei den UN, Susan Rice, dass es tragisch sei, „dass Assads barbarische Taten mit Schweigen quittiert wurden.“

Seit März gehen in Syrien pro Tag Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Regierung Assad zu demonstrieren. Unzählige Menschen sind dabei schon ums Leben gekommen, aber der Wille der Syrer ist nicht zu brechen. Nach dem Tod des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi schöpft die Opposition in Syrien neuen Mut: „Gaddafi ist gegangen, und als nächster bist du dran, Bashar!“, schrieb die Bewegung kürzlich auf der Facebook-Seite „Syrian Revolution 2011“. „Dies ist das Ende der Tyrannen“, hoffen die Gegner Assads. (rena)


Kommentieren


Schlagworte