Asylstreit in den Niederlanden

„Mauro muss bleiben“: 18-Jähriger stellt Regierung vor Zerreißprobe

Gut ein Jahr hat sich Hollands Minderheitsregierung - dank Duldung durch den Rechtspopulisten Geert Wilders - bislang behauptet. Die drohende Ausweisung eines jungen Asylbewerbers aus Afrika stellt sie nun vor eine Zerreißprobe.

Amsterdam - Mauro Manuel ist erst 18 und hat schon über 2000 Facebook-Freunde. „Mauro muss bleiben!“, fordern gar mehr als 50.000 Menschen in einer Petition. Und laut Umfragen wollen fast drei Viertel aller Niederländer, dass der junge Schwarze mit den traurig-sanften Augen nicht ausgewiesen wird. Selten hat ein Schicksal die Niederlande so bewegt. Und nie zuvor drohte eine Regierung zu stolpern, weil sie einen Asylbewerber nach Afrika zurückschicken will.

Neun Jahre war Mauro alt, als seine Mutter ihn ohne weitere Erläuterungen in ein Flugzeug Richtung Holland setzte. Dort kam er erst in ein Heim, schon bald aber zu Pflegeeltern nach Oostrum in der südlichen Provinz Limburg. Dass dieses Dorf nur 30 Autominuten von Venlo, der Geburtsstadt des Rechtspopulisten Geert Wilders, entfernt liegt, war purer Zufall.

Kein Zufall ist hingegen, dass die beiden sich an diesem Dienstag in Den Haag begegnen werden: Mauro will dabei sein, wenn das Parlament darüber debattiert, ob er endgültig abgeschoben werden muss oder doch noch eine Ausnahme gemacht wird. Es müsse möglich sein, nicht „starr und steif“ an Regeln festzuhalten, fordert neben vielen anderen die Protestantische Kirche der Niederlande. „Wir haben es hier schließlich mit einem Menschen zu tun.“

Minister: „Extra-Wurst“ ungerecht

Doch Migrationsminister Gerd Leers bleibt hart. Nächstenliebe ist dem Christdemokraten zwar nicht fremd. Er verweist aber darauf, dass eine „Extra-Wurst“ ungerecht wäre gegenüber 75 anderen jugendlichen Asylbewerbern, die derzeit ebenfalls auf der Abschiebeliste stehen. So richtig nimmt dem Minister die Prinzipientreue allerdings kaum jemand ab. Schließlich weiß jeder, dass die niederländische Minderheitsregierung aus Rechtsliberalen und Christdemokraten für ihr Überleben auf die Duldung - viele sagen die Gnade - durch Wilders angewiesen ist.

Dessen Partei für die Freiheit (PVV) ist seit den Wahlen im vergangenen Jahr drittstärkste politische Kraft. Um in der Regierung bleiben zu können, ließen sich die Christdemokraten auf einen Pakt mit dem Islam-, EU- und Immigrationsgegner ein. Laut Duldungsvertrag verschafft Wilders dem Kabinett die Mehrheit im Parlament, während die Regierung die von ihm geforderte Verschärfung der Migrationspolitik garantiert.

Dazu gehören eine rigorose Abschiebepraxis und das von Wilders diktierte Ziel, die Immigration aus islamischen und anderen nichtwestlichen Ländern um 50 Prozent zurückzudrängen. Viele Niederländer finden das „im Prinzip“ richtig. Doch der junge Angolaner passt so gar nicht in das PVV-Klischeebild vom Asylbewerber als arbeitsscheuem Sozialhilfe-Nassauer.

Spricht perfekt Niederländisch

Perfekt spricht Mauro Niederländisch, obendrein mit dem Limburger Dialekt der Heimatprovinz von Wilders. Bevor er für eine IT-Ausbildung in die Philips-Metropole Eindhoven ging, spielte Mauro Fußball beim Ortsclub SV Oostrum. Dessen Teamkameraden schwören bis heute auf ihn, genau wie fast jeder andere, den man in Oostrum nach ihm fragt, einschließlich vieler dortiger PVV-Wähler.

„Hier ist doch mein Leben“, sagte Mauro der christlich-liberalen Zeitung „Trou“. „Wie soll ich in Angola zurechtkommen? Ich kenne da niemanden mehr, und ich habe dort in einem Elendsviertel gelebt.“ Vergeblich hatten seine Pflegeeltern versucht, ihn durch Adoption vor der Abschiebung zu bewahren. Richter befanden, die Dokumente, mit denen die leibliche Mutter zustimmte, seien nicht rechtmäßig.

Ihre Hoffnung setzen Mauro und seine Freunde nun auf zwei Abgeordnete in der Parlamentsfraktion der Christdemokraten, die als Gegner des Duldungspaktes mit Wilders gelten. Sie könnten gegen den eigenen Minister votieren, um eine Sondergenehmigung für den Angolaner zu erzwingen.

Visum für ein Studium?

Ob Wilders sich dann beugt oder die Minderheitsregierung kippt, bliebe abzuwarten. In letzter Minute kam Leers mit einem Kompromissangebot: Man könne Mauro ein Visum für ein Studium geben. Weil die Pflegeeltern das nicht bezahlen können, stellte er zudem ein Stipendium durch eine Stiftung in Aussicht. So dürfte Mauro sich weitere vier Jahre in Holland aufhalten. „Die Unsicherheit würde aber weitergehen“, sagt er. „Dabei will ich doch hierbleiben, für immer.“ (dpa)