Weltpolitik

Afghanistan fordert von Pakistan Kampf gegen Taliban

Die Kooperation der Führung in Islamabad sei lebenswichtig für Afghanistan, so der stellvertretende afghanische Außenminister Dschaued Ludin.

Istanbul – Afghanistan drängt Pakistan zu konkreten Maßnahmen im Kampf gegen den militanten Islamismus, der beide Länder bedroht. Pakistan müsse den Worten Taten folgen lassen, sagte der stellvertretende afghanische Außenminister Dschaued Ludin am Dienstag in Istanbul. Die Kooperation der Führung in Islamabad sei lebenswichtig für Afghanistan. Pakistan müsse auch gegen das Hakkani-Netzwerk vorgehen, das traditionell gute Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst ISI unterhalten soll.

Zuvor waren beide Seiten erstmals seit der Ermordung des wichtigen Friedensunterhändlers Burhanuddin Rabbani zu Gesprächen zusammengekommen: Auf Vermittlung der Türkei trafen sich der afghanische Präsident Hamid Karzai und sein pakistanischer Kollege Asif Ali Zardari in Istanbul, wo am Mittwoch eine Konferenz zur Stabilisierung der gesamten Region um Afghanistan stattfindet. Pakistan bezeichnete das Treffen als sehr gut.

Zu den Beratungen am Mittwoch werden auch die Außenminister Indiens und des Irans erwartet. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle reist ebenfalls zu den Gesprächen nach Istanbul. Er will dort unter anderem die für den 5. Dezember geplante internationale Afghanistan-Konferenz in Bonn vorbereiten. US-Außenministerin Hillary Clinton hat ihren Besuch wegen des Todes ihrer Mutter abgesagt.

An dem Treffen Karzais mit Zardari nahm auch der türkische Präsident Abdullah Gül teil. Parallel dazu trafen sich die Militärschefs Pakistans und Afghanistans, General Ashfaq Pervez Kayani und Sher Mohammad Karimi mit dem Kommandant der türkischen Streitkräfte. In Pakistan dominiert die Armee die Außen- und Sicherheitspolitik. Afghanistan hatte die Gespräche mit Pakistan im September nach der Ermordung Rabbanis abgebrochen. Die afghanische Führung machte radikal-islamische Taliban aus dem pakistanischen Quetta für die Tat verantwortlich. Die Regierung in Islamabad bestreitet jegliche Unterstützung der Taliban. Sie beschwert sich im Gegenzug darüber, dass pakistanische Taliban in Afghanistan Unterschlupf fänden und von dort aus Anschläge gegen ihr Heimatland starteten.

Die Ermordung Rabbanis dämpfte Hoffnungen auf eine Versöhnung mit den Taliban. Rabbani selbst war als Unterhändler allerdings gerade bei den Taliban sehr umstritten: Er war der prominenteste noch lebende Anführer der Nordallianz, die die Taliban 2001 aus Kabul vertrieben hatte. In den 90er Jahren amtierte er während des Bürgerkriegs zwischen den unterschiedlichen Mujaheddin-Gruppen nach dem Abzug der Sowjets als afghanischer Präsident. Vor einem Jahr hatte ihn Karzai zum Vorsitzenden des Hohen Friedensrates ernannt, der einen Frieden mit den Taliban aushandeln soll. Rabbani starb, als ein Selbstmordattentäter der Taliban eine Bombe zündete.

Bei der Konferenz am Mittwoch in Istanbul sollen die Nachbarstaaten Afghanistans dazu bewegt werden, sich nicht in die Angelegenheiten des Landes einzumischen. Bisher verfolgen Nachbarn wie Pakistan und Iran ihre eigenen Interessen am Hindukusch. Vor allem Pakistan, das sich in der Vergangenheit immer wieder in die Geschicke der Afghanen eingemischt hatte, spielt eine Schlüsselrolle bei der Befriedung der Region.

Während sich die Konferenz in Istanbul vor allem um die regionale Einbindung Afghanistans dreht, geht es bei der Bonner Konferenz im Dezember um die Zukunft des Landes nach 2014. Bis Ende 2014 will die NaATO die alle Kampftruppen vom Hindukusch abziehen. Dies bedeutet nicht nur die Feuerprobe für die afghanischen Sicherheitskräfte, sondern auch für die Führung des Landes: Sie muss beweisen, dass Afghanistan nach dem Abzug Zehntausender Soldaten auf eigenen Füßen stehen kann.

Unterdessen teilten 13 Hilfsorganisationen in einer in Kabul verbreiteten Erklärung mit, in Istanbul und Bonn gehe es um „den nächsten Satz an Bausteinen für die Zukunft Afghanistans und für Frieden und Stabilität in der weiteren Region“. Die Konferenzen müssten daher mehr als „leere Quasselbuden“ sein. Die Organisationen betonten, der Konflikt könne nur durch eine politische Lösung beendet werden.

Zivilisten litten unter der zunehmend schlechten Sicherheitslage in Afghanistan, hieß es in der unter anderem von den internationalen Hilfswerken Oxfam und Terre des Hommes unterzeichneten Erklärung. Alleine im ersten Halbjahr habe der Konflikt fast 1.500 Unbeteiligte das Leben gekostet. Zwar seien die meisten davon bei Anschlägen und Angriffen Aufständischer gestorben, doch auch regierungstreue Truppen hätten einen „bedeutenden Anteil“ an Opfern zu verantworten. (APA/Reuters/dpa)