Palästina-Votum

Der UNESCO droht die schwerste Krise ihrer Geschichte

Die USA und Kanada stellen die Zahlungen an die UN-Organisation ein. Im schlimmsten Fall müssen zahlreiche Projekte und Stellen gestrichen werden.

Paris – Die Aufnahme Palästinas droht die UNO-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur in eine der schwersten Krisen ihrer mehr als 65-jährigen Geschichte zu stürzen. Weil die USA fürchten, dass sie mit ihren Mitgliedsbeiträgen gewaltbereite Feinde Israels unterstützen könnten, drehen sie der UNESCO erst einmal den Geldhahn zu.

Die dieses Monat fälligen 60 Mio. Euro werden folglich nicht an die wichtigste Kulturorganisation der Welt überwiesen. Auch Kanada wird seine Beitragszahlungen einstellen, damit fehlen weitere sieben Millionen Euro im UNESCO-Budget. Israel prüft ähnliche Schritte.

Im schlimmsten Fall müssen nun Projekte und Stellen gestrichen werden. Gerüchte, dass reiche Länder wie China oder Saudi-Arabien einspringen wollen, bestätigten sich zunächst nicht.

Sorge um Alphabetisierungsprogramme

Bei vielen der mehr als 2000 UNESCO-Mitarbeiter ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. „Ich denke an die Tausenden von Mädchen und Frauen in Afghanistan, in Afrika und in der ganzen Welt, die mit Hilfe der UNESCO das Lesen und Schreiben gelernt haben“, kommentiert eine besorgte UNESCO-Chefin Irina Bokowa im Hinblick auf Alphabetisierungsprogramme. Es müsse alles getan werden, um sicherzustellen, dass die Arbeit der Organisation nicht leide.

Dies wird jedoch schwer. Die USA sind der mit Abstand größte Geldgeber vor Japan und Deutschland. Washington wollte eigentlich 22 Prozent des laufenden Zwei-Jahre-Budgets von 653 Millionen US-Dollar beisteuern, hatte jedoch bereits vor der Abstimmung vor möglichen Konsequenzen eines pro-palästinensischen Votums gewarnt. „Es ist uns gesetzlich nicht erlaubt, Organisationen zu finanzieren, die die Palästinenser als Mitglied akzeptieren“, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. In Paris wisse man das.

Widerstand gegen „Erpressung“

Bei etlichen UNESCO-Mitgliedsstaaten zog dieses Argument allerdings nicht. Es gebe schon lange eine große Mehrheit von Ländern, die die Sache der Palästinenser unterstütze, heißt es in UNESCO-Kreisen. Viele seien der Ansicht gewesen, dass im Nahost-Konflikt endlich einmal etwas passieren musste. Das von den USA aufgebrachte „Geldproblem“ habe für manche sogar wie Erpressung geklungen und sie noch in ihrer Überzeugung gestärkt, mit Ja zu stimmen.

107 Ja-Stimmen gegen nur 14 Nein-Stimmen - der Erfolg war letztlich mehr als deutlich. Die USA und ihre wenigen Verbündeten wie Deutschland, Kanada oder die Niederlande mussten eine bittere Schlappe einstecken. Sie hatten argumentiert, dass eine Aufnahme der Palästinenser nur schaden könne, solange es keine neuen Friedensverhandlungen mit Israel und keine Entscheidung über die UNO-Mitgliedschaft gebe.

UN prüft Aufnahmeantrag

Unklar ist bisher, ob die Entscheidung vom Montag auch Konsequenzen für andere UNO-Organisationen hat. Das Votum für Palästina der UNESCO platzt mitten in die Beratungen bei der Mutterorganisation in New York. Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas hatte dort am 23. September die Aufnahme eines unabhängigen Palästinenserstaates in die Vereinten Nationen beantragt.

Ein Ausschuss prüft derzeit, ob die Palästinenser die in der UNO-Charta verankerten Aufnahmebedingungen erfüllen. Die USA können die Aufnahme jedoch mit einem Veto im Weltsicherheitsrat stoppen. Dies galt bisher als wahrscheinliche Option.

Völlig einzigartig wäre eine UNESCO ohne US-Gelder unterdessen nicht. 1984 traten die USA schon einmal aus der Organisation aus. Als Gründe gaben sie damals die anti-westliche Politisierung und ein ineffizientes Management an. Erst 2003 kehrten die USA zurück. Bei der vor allem für das Welterbe-Programm und die Bildungsförderung bekannten UNESCO wird befürchtet, dass es eine zweite Rückkehr nicht geben werde. (TT.com/dpa)