Schwache Herausforderer lassen Obamas Chance leben
Vom Heilsbringer zum Versager - Barack Obama ist in der Gunst der Amerikaner in kurzer Zeit so tief gefallen wie kein US-Präsident vor ihm. Dass er trotzdem noch gute Chancen auf eine zweite Amtszeit hat, liegt an der Schwäche seiner potenziellen Herausforderer.
Von Simon Hackspiel
Washington - Vor drei Jahren wurde Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt. Hunderttausende Menschen jubelten ihm damals überschwänglich bei seiner Siegesrede in Chicago zu und die ganze Welt feierte mit. Obama wurde als „Retter der Nation“ angesehen, sein Wahlslogan „Yes we can“ wurde zum Synonym für die Hoffnung auf eine bessere Welt.
Dass Obama derart hoch gesteckte Erwartungen nicht erfüllen konnte, verwundert nicht. Doch vor drei Jahren hätte wohl niemand geglaubt, dass der Hoffnungsträger einmal an den Punkt gelangen würde, an dem er heute steht. Die Umfragewerte sprechen Bände. Im September sank die Beliebtheit des Präsidenten auf ein neues Rekordtief. 53 Prozent der Amerikaner stellten ihm ein schlechtes Arbeitszeugnis aus.
„Change“ blieb aus
Einen Neuanfang in fast allen Bereichen hatte Obama als Wahlkämpfer versprochen. Doch seit er im Amt ist, hat er tatsächlich wenig verändert. Noch immer führen die USA Krieg in Afghanistan, Guantanamo besteht weiterhin, die Klimapolitik hat trotz der BP-Katastrophe keine Priorität mehr und die Pläne zur Neuregulierung des Finanzsystems sind sehr zaghaft. Zudem werden US-Wirtschaft und -Arbeitsmarkt von einer tiefen Krise erschüttert. Bisher ohne Aussichten auf rasche Besserung.
Genau ein Jahr hat Obama noch Zeit, sein schwer angekratztes Image wieder aufzupolieren. Bei einer Tour durch den Südwesten der USA im Oktober machte der brilliante Rhetoriker erste Schritte, indem er viel Bürgernähe demonstrierte. Doch was die Bemühungen Obamas wirklich bringen, wird sich erst Anfang November 2012 weisen. Dann entscheidet das Volk, ob er eine zweite Amtszeit verdient hat.
Mehr Durchschlagskraft gefordert
Anhänger der Demokraten fordern mehr Durchschlagskraft des Präsidenten bei den angepeilten Reformen. Kritisiert wird, dass Obama noch immer zu sehr auf Harmonie bedacht sei und ständig Kompromisse eingehe. Gegen die Blockadepolitik der Republikaner im Kongress fand er noch nicht das richtige Rezept. So konnten wichtige Projekte wie das milliardenschwere Jobpaket nicht wie geplant umgesetzt werden, auch die Gesundheitsreform wurde zu einem Kompromisspaket.
Die Republikaner wittern angesichts der Schwäche Obamas Morgenluft, auch wenn sich beim Vorwahlkampf bisher kein wirklich überzeugender Kandidat herauskristallisiert hat. Momentan gilt der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney, als aussichtsreichster Bewerber, gefolgt von dem „Tea Party“-Liebling Herman Cain. Der ursprünglich als Favorit ins Rennen gestartete Rick Perry hat sich durch blamable Fernsehauftritte mittlerweile selbst diskreditiert.
Republikaner im Vorwahlkampf
Romney, der sich auch bei den Vorwahlen 2008 beworben hatte, ist der bevorzugte Kandidat des traditionellen Republikaner-Lagers. Er hat bisher die meisten der oft hitzig geführten TV-Duelle für sich entschieden und führt die Umfragen regelmäßig an. Cain hingegen gilt als eher unberechenbar. Der ehemalige Besitzer der Fast-Food-Kette „Godfather’s Pizza“ besitzt den Trumpf, die rechte Tea-Party-Bewegung auf seiner Seite zu haben. Vorwürfe über angebliche sexuelle Belästigungen seiner Mitarbeiterinnen in den 90ern machen ihm jetzt aber das Leben schwer.
Wann und wo der Startschuss zu den republikanischen Vorwahlen fällt, ist derzeit übrigens noch Gegenstand eines kuriosen Terminstreits. Traditionell finden die ersten „Primaries“ im Bundesstaat Iowa statt, Termin soll der 3. Jänner 2012 sein. Darauf folgen für gewöhnlich die Vorwahlen in New Hampshire, aber Nevada drängte sich vor. New Hampshire droht nun wiederum seine Vorwahlen schon am 6. Dezember 2011 abzuhalten, falls Nevada nicht widerrufe.
Schwache Herausforderer als größte Stärke
Wer auch immer im Frühjahr zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt wird - das größte Glück für Obama ist, dass bislang keiner seiner potenziellen Herausforderer mit Charisma, Expertise oder Wortgewandtheit herausragt. Die Unzulänglichkeiten des Gegners könnten somit zur größten Stärke des Präsidenten im Wahlkampf werden.
Sollte Barack Obama die Wahl im nächsten Jahr gewinnen, wird der Jubel leiser und die Erwartungshaltung deutlich niedriger ausfallen als 2008. Dann hätte er die Chance seine eigene Geschichte und die seines Landes zum Positiven zu wenden, ohne die belastende Aura eines Heilsbringers mit sich herumzuschleppen. (TT.com)