Briten wohnen zwischen Kirchenorgel und Neonröhren

Die Londoner weichen wegen hoher Mieten in Kirchen und Büros aus. Die Mieter übernehmen dabei oft die Sicherung der Gebäude.

London - Andrew Fairclough ist Musiker und lebt zwischen Bleiglasfenstern und Orgel in einer ungenutzten Kirche des Londoner Vororts Bushey. Unter der gewölbten Decke des Kirchenbaus aus dem 19. Jahrhundert hat er es sich mit seinen Platten, seinem Klavier, mit Bett und Sofa und sogar einer Tischtennisplatte gemütlich gemacht. Nur 310 Euro zahlt der 41-Jährige im Monat für seine Bleibe - in einer der teuersten Städte Europas ist das ein Schnäppchen. Dafür spielt Fairclough Haushüter und hält seinem Vermieter, der Vereinigten Reformierten Kirche, Hausbesetzer vom Hals.

„Eine großartige Sache - wer kann schon für so wenig Geld in so großartiger Umgebung wohnen“, freut sich Fairclough. „Als ich das erste Mal davon hörte, dachte ich, das ist zu schön, um wahr zu sein.“ Wie viele andere kapitulierte der Musiker vor dem Londoner Wohnungsmarkt, wo eine Monatsmiete einen Großteil des Monatseinkommens verschlingt. Die steigende Inflation und der träge Immobilienmarkt treiben die Mieten weiter hoch - im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent. Nun hütet Fairclough die Kirche, bis sie verkauft oder umgebaut wird.

„Wir bringen die Guardians in leeren Gebäuden unter und sorgen damit für günstigen und wirksamen Gebäudeschutz“, sagt Doug Edwards von der auf Haushüter spezialisierten Agentur Ad Hoc. Obwohl die Eigentümer den Agenturen für diesen Service umgerechnet bis zu 340 Euro pro Woche zahlen, sparen sie immer noch 80 Prozent im Vergleich zu einem professionellen Sicherheitsunternehmen. „Dafür können die Guardians sehr billig wohnen“, durchschnittlich für weniger als die Hälfte einer ortsüblichen Miete, sagt Edwards.

Die Agenturen haben Traum-Immobilien im Angebot, darunter eine 300 Quadratmeter große Wohnung mit Blick über den Green Park, einen Spaziergang entfernt vom Buckingham Palast. Pro Woche können dort zwei Hüter für knapp 230 Euro wohnen.

Allerdings müssen die Guardians flexibel sein: Langfristige Mietverträge gibt es nicht. Manche gelten nur zwei Monate, und oft können die Vermieter mit einer Frist von nur zwei Wochen kündigen. Daniel, der als Autor und Müllmann arbeitet, musste in einem Jahr vier Mal umziehen. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt, sieht die ständigen Umzügen sogar positiv: „Ich wohne gerne in verschiedenen Stadtteilen, ich konnte eine Weile in Hampstead Heath wohnen, nun in der Warren Street im Zentrum. Das sind beides sehr nette Gegenden“, sagt der 26-Jährige.

Sein derzeitiges Zimmer ist riesig, hat jedoch grelle Neonröhren aus seiner Zeit als Büro. Eine winzige Küche muss sich Daniel mit einem anderen Haussitter teilen, zwei Duschen mit zehn weiteren Gebäude-Bewachern. Für nur 68 Euro Miete pro Woche nimmt er das gerne in Kauf.

Die Guardians müssen über ein regelmäßiges Einkommen verfügen, dürfen keine Haustiere oder Kinder mitbringen und keine Partys feiern. Gibt es Probleme mit der Immobilie, müssen sie sofort den Eigentümer verständigen. Weitere Bedingungen gibt es nicht. Da wundert es nicht, dass die Agenturen Wartelisten mit hunderten Anwärtern führen. Arthur Duke von der Agentur Live-in-Guardians zählt auf: „Wir haben Ärzte, Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Künstler, Banker.“

Fairclough hat seine Rolle als Kirchenbewohner schon fast verinnerlicht: „Einmal kam jemand und fragte mich um geistlichen Rat“, erzählt er. „Zunächst war ich versucht, darauf einzugehen. Dann riss ich mich zusammen und schickte ihn in die nächste Kirche.“ (APA/AFP)