„Ötzi“ kommt nicht zur Ruhe: weiter Zweifel an Todesart
Pfeilschuss oder Bergunglück? Der Körper der Gletschermumie soll erneut gescreent werden.
Innsbruck – Auch nach 5.300 Jahren scheint die weltbekannte Gletschermumie „Ötzi“ nicht zur Ruhe zu kommen. Wissenschafter haben Zweifel an der Todesart des Eismannes. Der bis heute als Ursache geltende tödliche Pfeilschuss könnte widerlegt werden. Spekuliert wird, ob der Alpenbewohner aus der Jungsteinzeit nicht doch bei einem schlichten Bergunglück ums Leben kam. Ein neuerliches „Sreening und Mapping“ des Körpers soll nun Aufschluss bringen, berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin „Focus“ laut Vorabmeldung vom Wochenende.
Den Forschungsergebnissen von Karl-Heinz Künzel und Wolfgang Recheis von der Medizinischen Universität Innsbruck zufolge weise „Ötzis“ Leiche „einen knöchernen Einriss mit Aufgehen einer Schädelnaht und eine gelbliche Verfärbung des Augapfels auf, die als indirekte Blutspur zu interpretieren sei“. Würde der Eismann also bei einem Bergunfall seinen Tod gefunden haben, könnte der Pfeilschuss, der bisher als Todesursache galt, von einem früheren Angriff herrühren.
Erst Mitte Oktober war bekanntgeworden, dass „Ötzi“ sich kurz vor seinem Tod ein stark blutendes Cut mit einer Fraktur im Bereich der rechten Augenhöhle kombiniert mit einer Einblutung im Augapfel (Augapfelprellung) zugezogen hatte. „Dieses Verletzungsmuster kann auch unabhängig von Fremdeinwirkung, wie Pfeilschussverletzung oder Kampf beispielsweise durch einen Sturz im unwegsamen Gelände unter Berücksichtigung von Extrembedingungen im Hochgebirge tödlich enden“, hatte Künzel von der Division für klinisch funktionelle Anatomie seine Forschungsergebnisse damals erläutert.
Im Zuge des zweiten Mumienkongress in Bozen am 22. und 23. Oktober bestätigten nanotechnologische Untersuchungen einer Gehirnprobe ein Schädel-Hirn-Trauma. „Dieses allein hätte bereits tödlich sein können, hat sicherlich aber neben der Schussverletzung zum Tode beigetragen“, teilten Wissenschafter der Ludwig-Maximilian Universität in München ihre Erkenntnisse mit. Ungeklärt blieb die Frage, ob sich der Eismann das Trauma durch einen Sturz oder durch einen Schlag auf den Kopf zugezogen hatte.
Bei der Tagung wurde noch eine Todesursache durch Fremdeinwirken vertreten. „Er hat gerastet und ein ausgiebiges Mahl eingenommen. Bei dieser Rast ist er von einem Angreifer überrascht, erschossen und liegen gelassen worden“, beschrieb Albert Zink, Leiter des Bozner EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman, das Todesszenario.
Am 19. September jährte sich der Fund der Gletschermumie im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen zum 20. Mal. Das deutsche Ehepaar Erika und Helmut Simon stieß damals in 3.210 Metern Höhe im Bereich des Tisenjochs auf die 5.300 Jahre alte Leiche aus der Jungsteinzeit. Seither beschäftigt der Mann aus dem Eis namens „Ötzi“ Forschung und Öffentlichkeit.