Architektur

Magritte-Schau in der Albertina: Auf dem Sofa sitzen Särge

Bisher größte Ausstellung des Hauses präsentiert den berühmten belgischen Surrealisten und versucht den Spagat zwischen chronologischer Anordnung und thematischer Vertiefung.

Von Ivona Jelcic

Wien –„Was unsichtbar ist, muss unseren Blicken nicht verborgen bleiben“, postulierte René Magritte – und holte eifrig hinter dem Vorhang hervor, was sich jenseits der Grenzen des herkömmlichen Sehens, im Zwischenreich der Illusion, im Beziehungsgeflecht aus Wort und Bild oder schlicht in den Untiefen der Persönlichkeit verbirgt: „The Secret Player“ (1927), sein erstes, ganz dem Surrealismus verpflichtetes Werk, verschränkt die Realitätsebenen, stellt Größenverhältnisse auf den Kopf, verwandelt leblose in lebendige Materie. Und auch 1952 versammeln sich „Die persönlichen Werte“ in einem Raum, der Innen und Außen samt dem typischen Magritte‘schen Wolkenhimmel verschmelzen lässt.

Es ist „Das Gefühl von Wirklichkeit“, so der Titel eines von insgesamt 13 Ausstellungskapiteln, das der berühmte­ belgische Surrealist René Magritte­ (1898–1967) beständig hinterfragt hat. Als Maler, aber auch als Zeichner und Schöpfer von Sprachbildern – Stichwort Pfeife, die berühmter geworden ist als der Künstler selbst. Nicht nur Magrittes Bild­idee „Ceci n‘est pas une pipe“ („Dies ist keine Pfeife“) wird im Ausstellungsshop in allerlei Reproduktionen angeboten: Populärkulturell ließ sich der Künstler schon immer gut verwerten, hier etwa auf Keksdosen, Krawatten und T-Shirts.

Vor zwei Jahren hat Magrittes Heimatstadt Brüssel ein Museum zu Ehren des Künstlers eröffnet, auch von dort bezogen Albertina und Tate Liverpool für diese nicht nur vom Umfang her beachtliche Ausstellungs-Kooperation Leihgaben. Rund 250 Exponate umfasst die Schau, die einige der bekanntesten Gemälde Magrittes, aber auch Zeichnungen, Collagen sowie von ihm gestaltete Werbeplakate, Annoncen für Modemagazine oder Umschläge für Partituren umfasst: Die Werbegrafik blieb lange sein Brotberuf, als Plakatgestalter tritt er in der Zeit des Zweiten Weltkriegs noch einmal in Erscheinung, als er – kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei – ein satirisches Plakat gestaltet, auf dem dem belgischen Faschisten Léon Degrelle Adolf Hitler als sein Spiegelbild entgegenblickt.

Insgesamt bilden derlei Kommentare zu den Geschehnissen der Zeit aber die Ausnahme, wie überhaupt im Kreis der Surrealisten, in den Magritte bereits in den 1920er Jahren Eintritt findet: Über den belgischen Dichter Paul Nougé, den er im Porträt verdoppelt, später im Kreis der französischen Surrealisten um André Breton und Salvador Dalí. Das Verhältnis zwischen Breton und Magritte verläuft nicht friktionsfrei, ebenso wenig wie jenes mit der elitären Pariser Kunstszene, der Magritte­ in seiner ersten, lang ersehnten Einzelausstellung in Paris die radikale, grob gemalte, in krassem Gegensatz zu seinen sonst so ausgefeilten Bildideen stehende „Période Vache“ serviert. Und Empörung erntet.

Eine beständigere Leidenschaft des Künstlers ist jene für den Kriminalroman und den Erzkriminellen „Fantômas­“. Magrittes subversiver Humor tritt u. a. in der Perspektiven-Serie zutage, die er mit zwei auf dem Sofa sitzenden Särgen beginnt und in der er sich auch auf Bildthemen anderer Künstler bezieht, etwa Jacques-­Louis Davids „Madame­ Récamier“.

Ein Gustostückerl sind die „Home-Movies“ des Künstlers, der – als Mann im schwarzen Anzug und mit Melone – gerne mit seiner bürgerlichen, „glanzlosen Existenz“ kokettierte. Aber im Kreise seiner Freunde slapstickartige, absurde Komödien für die Kamera vollführte. Bis 26. Februar 2012.