Verbitterter Berlusconi gibt auf, Finanzlage höchst dramatisch
Italiens scheidender Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist über die „Verräter“ in seiner Partei zutiefst enttäuscht. Indes wird für das Land die Rekapitalisierung am Finanzmarkt immer teurer.
Rom – Der vor dem Rücktritt stehende italienische Premier Silvio Berlusconi ist wegen der Parlamentarier seiner Partei verbittert, die ihm den Rücken gekehrt haben. „Es ist etwas Absurdes geschehen, ich kann es nicht glauben. Ich bin von Personen verraten worden, die ich ein Leben lang in meinem Herzen trug“, klagte Berlusconi in einem TV-Interview am Mittwoch.
Er kritisierte unter anderem die Kehrtwende des Ex-Präsidenten der Region Friaul, Roberto Antonione. „Dank meiner Hilfe ist er zum Präsidenten Friauls gewählt geworden. Unzählige Gipfeltreffen haben wir in Triest organisiert, um seiner Präsidentschaft Glanz zu geben. Ich war Taufpate seiner Tochter und jetzt verrät er mich.“
Verlust weiterer Parlamentarier
Nach Angaben italienischer Medien droht seiner Partei „Volk der Freiheit“ der Verlust weiterer Parlamentarier. Mehrere Abgeordnete führen Gespräche mit dem Zentrumsblock „Dritten Pol“ um Fini. Ihre Hoffnung ist, dass es nach Berlusconis Rücktritt zu einer Notstandsregierung mit allen Parteien im Parlament kommt.
Berlusconi hatte am Dienstag angekündigt nach der Verabschiedung eines Gesetzes zur Stabilisierung der Finanzen und zur Schuldeneindämmung seinen Rücktritt einzureichen.
Der scheidende Premier hält vorgezogene Parlamentswahlen im Februar für möglich. Eine weitere Kandidatur als Spitzenkandidat seiner Partei „Volk der Freiheit“ (PdL) schließt er jedoch aus. Stattdessen soll Ex-Justizminister Angelino Alfano, Vorsitzender von Berlusconis Partei, bei der Neuwahl ins Rennen gehen.
Kritische Zinsmarke überschritten
Die erhoffte Entspannung am italienischen Staatsanleihenmarkt ist trotz des angekündigten Rücktritts von Berlusconi vorerst ausgeblieben. Im Gegenteil, die Lage wird immer dramatischer. Mittwochmittag stieg die Rendite für richtungsweisende Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren auf 7,35 Prozent und erreichte damit den höchsten Wert seit der Euro-Einführung.
Das bereits hochverschuldete Italien kann sich damit nur zu sehr schlechten Bedingungen frisches Geld am Kapitalmarkt leihen. Die Renditeschwelle von sieben Prozent gilt an den Finanzmärkten als kritisch. Bei diesen Zinsniveaus mussten die Euro-Länder Griechenland, Irland und Portugal gerettet werden.
EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn bezeichnete die finanzielle Situation Italiens als „sehr besorgniserregend“. Eine Expertenmission der EU-Kommission reiste am Dienstag nach Rom, um ab sofort die von Italien zugesicherten Reformen zu überwachen. (TT.com, APA/dpa)