Weitere Vorwürfe gegen die Kinderklinik: Neue Propofol-Fälle

Nach dem neuesten Fall an der Innsbrucker Kinderklinik, dem kleinen Achraf, der nach einer Behandlung behindert ist, spricht die „Elternplattform Kinderklinik“ von mindestens zwei weiteren Propofol-Fällen und fordert Konsequenzen.

Innsbruck – Abdellah Anafal spricht mit fester Stimme, seine dunkelbraunen Augen sind auf eine Mappe fixiert, die vor ihm liegt. Darin hat er Bilder seines Sohnes und Schriftdokumente feinsäuberlich abgeheftet, die von seinem Spießrutenlauf mit den Behörden seit mehreren Jahren zeugen.

Ausgangspunkt ist der 31. Juli 2006, als sich der neunmonatige Sohn der Familie mit heißer Marmelade schwer verbrüht. Der Notarzt beschließt angesichts der Schwere der Verletzungen, dass das Baby in die Kinderklinik nach Innsbruck geflogen werden muss. Aus damaliger Sicht die beste Alternative. Aus heutiger Sicht für die Eltern wohl ein großer Fehler.

Doch zunächst fühlen sich die Südtiroler in der Klinik gut aufgehoben: „Ich habe mit meinem Kind mitgelitten, das ist verständlich. Aber ich habe mich in der Klinik sicher gefühlt und den Ärzten vertraut“, erzählt Anafal.

Dass sein Kind nach der fast dreiwöchigen Tiefschlafphase nicht mehr das gleiche war, hat sich erst nach und nach gezeigt. Die Eltern haben es zunächst auf eine Traumatisierung geschoben, die aus der langen Behandlung resultieren könnte. Auch in der Klinik habe man - laut Angaben des Vaters - nichts dazu gesagt. Es soll zu keinerlei Komplikationen gekommen sein.

Doch je älter Achraf wird, desto augenscheinlicher äußern sich auch seine Defizite: „Mein Kind war organisch völlig gesund, das haben wir schriftlich. Nach der Behandlung in der Klinik ist dann erst Schritt für Schritt rausgekommen, was nicht stimmt. Nach einer Magnetresonanzuntersuchung hatten wir schließlich die Gewissheit, dass das Gehirn Schaden genommen hat“, erzählt der Vater.

Konkret ist Achraf heute auf dem Entwicklungsstand eines neun Monate alten Kindes und steckt im Körper eines mittlerweile sechsjährigen Buben. Er ist stark hör- und sehbehindert, motorisch eingeschränkt und kann kaum mit seiner Umwelt kommunizieren.

2008 nimmt Klinik Stellung

Um Antworten zu erhalten, wendet sich Abdellah Anafal 2008 an die Patientenanwaltschaft in Bozen, die wiederum mit der Klinik Innsbruck Kontakt aufnimmt. „Da war dann die Kommunikation gar nicht mehr da. Die einzige Antwort von der Klinik war, dass sie nicht mehr verantwortlich sei. Man hat immer so getan, als handelt es sich nur um einen kleinen Schaden, was mich wirklich verwundert hat“, beschreibt der verzweifelte Vater – der jetzt Hilfe bei der „Elternplattform Kinderklinik“ sucht.

In einer Stellungnahme von der Klinik Innsbruck schreibt der pädriatrische Leiter Nikolaus Neu im Juni 2008, dass der Zustand des Buben „...allenfalls durch eine Hypoxie (Sauerstoffmangel, Anm.) bzw. eine cerebrale Minderperfusion (das Gehirn wird nicht ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt, Anm.) entstanden sei. Derartiges ist aber nie aufgetreten. [...] Ob bereits vor dem Aufenthalt zumindest Ansätze eines Entwicklungsrückstandes bestanden, lässt sich von unserer Seite nicht sagen [...].“

Laut ärztlichem Gesundheitszeugnis wird eine Vorbelastung eindeutig ausgeschlossen. Auch eine Erbkrankheit, wie sie den Eltern laut Schilderungen von Seiten der Tilak nahegelegt worden sein soll, sehen Ärzte der Südtiroler nicht. „Ich will doch nur wissen, was passiert ist. Ich kann nicht abschließen mit dem Schicksal meines Sohnes, wenn ich das nicht weiß“, betont Anafal.

Zwei weitere Fälle

Laut Elternplattform Kinderklinik ist er damit nicht der einzige. Die Vorsitzende der Plattform, Gabriele Fischer, berichtet im Rahmen eines Pressegesprächs von zwei weiteren Fällen, in denen die Verabreichung von Propofol bei Kindern über einen längeren Zeitraum stattgefunden hätten. Beide Tiroler Familien werden nicht namentlich genannt – die Fälle liegen aber bei der Staatsanwaltschaft, betont Fischer.

Die Kinder – es handelt sich angeblich um ein 16 Monate altes Baby und um einen dreijährigen Buben – konnten zum Glück mit Therapien wieder geheilt werden. Aber in beiden Fällen seien die Eltern von der Klinik abgespeist worden, ärgert sich Fischer und fügt hinzu: „Es gibt eine endlose Reihe von Fällen, die mir zugetragen wurden. Nicht alle mit Propofol, aber es waren auf jeden Fall unzählige. Wenn man das der Tilak vorlegt, putzt sie sich nur ab und sagt, dass sie ohne Namen nichts tun kann. Viele Eltern wollen aber einfach anonym bleiben und haben keine Kraft für eine gerichtliche Auseinandersetzung.“

Es werde Zeit, so die Plattformsprecherin, dass endlich Konsequenzen gezogen würden. So müssten die Ergebnisse der jahrelangen Evaluierung der Tilak endlich öffentlich gemacht werden, außerdem sei eine Personalaufstockung dringend gefordert. „Ich möchte auch wissen, wofür die Kinderklinik in Zukunft steht, sie soll sich klar positionieren“, meint Fischer.

Massiv kritisiert sie außerdem das Fehlermanagement der Klinik, denn wenn Fehler gemacht würden, dann müssten die Ärzte auch dazu stehen. Vorstellbar wäre ein Management-System wie das „Harvard Konsensuspapier“, das in den USA Anwendung findet. Dabei wird unter anderem ausgeschlossen, dass ein Arzt durch einen Fehler sofort die Versicherung verliert. „Die Implementierungen internationaler Standards sind gefragt. Vielen Eltern geht es nicht um Geld. Sie wollen einfach nur Antworten.“

Fischer schiebt die Fehler, die passieren, nicht auf die Ärzte der Kinderklinik. „Wir haben sehr viele gute Ärzte hier, aber was hilft das, wenn die Struktur der Tilak nicht passt?“

Konsequenzen dringend gefordert

Ihrer Meinung nach müsste sowohl die ärztliche Leiterin die Konsequenz ziehen und zurücktreten, als auch die restliche Führungsriege. Eine unabhängige Untersuchungskommission müsse die Vorfälle an der Klinik untersuchen, „das ist wohl das Mindeste“, fordert Fischer. Die Tilak müsse endlich zu ihrer Verantwortung stehen. „Wir reden hier immerhin von Kindern und nicht von Dummies, mit denen man machen kann was man will“, streicht die Vorsitzende energisch hervor.

Die Tilak äußert sich zu den Vorwürfen am Donnerstag nur schriftlich. Der Fall Achref werde neu aufgerollt, teilte Tilak-Sprecher Johannes Schwamberger am Vormittag in einer Aussendung mit. Er kann aber schon im Vorfeld ausschließen, dass der heute Sechsjährige während seiner Tiefschlafphase Propofol erhalten hat. Dennoch: „Für die Operation, bei der eine Hauttransplantation durchgeführt wurde, ist das Kind unter anderem mit Propofol narkotisiert worden“, so Schwamberger. Der Fall von Achraf sei bereits 2008 thematisiert worden. „Damals konnte kein Fehlverhalten von Seiten der Innsbrucker Klinik festgestellt werden und der Fall wurde nicht weiter verfolgt“, streicht Schwamberger hervor. Speziell die Vorwürfe, dass an der Klinik zu wenige Kinderanästhesisten angestellt sein, entkräftigt der Tilak-Sprecher: „Es existiert in Österreich keine Ausbildung und kein Berufsbild des Kinderanästhesisten. Wir verfügen allerdings über eine ausreichende Zahl von Anästhesten, die im Bereich der Kinderanästhesie über reichlich Erfahrung verfügen.“

Die Uniklinik will kommende Woche zu den Vorwürfen Stellung nehmen, „wenn wir die Vorwürfe untersucht haben und von Seiten der Eltern eine Entbindung von der Schweigepflicht erhalten haben.“ (rena)