Tschechischer Amokläufer war Bruder von Pandur-Waffenhändler
Laut Polizei deutet vieles darauf hin, dass die Opfer im Voraus ausgewählt worden sein dürften.
Prag/Kunovice/Wien – Laut einem unbestätigten Bericht und Aussagen von Augenzeugen handelt es sich bei dem Amokläufer, der am Donnerstag in einer Fabrik des tschechischen Kleinflugzeug-Herstellers Aircraft Industries im südmährischen Kunovice zwei Menschen und anschließend sich selbst tötete, um Karel Musela (56), den Bruder des in den Pandur-Skandal verwickelten Geschäftsmannes Pavel Musela.
Letzterer ist ein Ex-Vorstandsmitglied der Aircraft Industries und war früher eine der einflussreichsten Personen der tschechischen Rüstungsindustrie. Das berichtete die tschechische Nachrichtenagentur CTK am Donnerstagabend.
Laut Polizei deutet vieles darauf hin, dass die Opfer im Voraus ausgewählt worden sein dürften. Es dürfte sich bei der Tat um die Erledigung von unternehmerischen Streitigkeiten sowie einen familieren Racheakt handeln.
Der Täter war nach Angaben der Behörden noch am Leben, als die Polizei eintraf. Er tötete demnach einen 50- und einen 52-Jährigen und verletzte eine Frau leicht, danach tötete er sich selbst. Bei den Opfern könnte es sich nach Medienspekulationen um Mitglieder des Unternehmensvorstandes gehandelt haben, der zuvor zusammengetroffen sein soll.
Die Tat spielte sich demnach im Raum der Geschäftsführung der Firma ab, wo gerade eine Arbeitssitzung von rund 15 Personen stattfand. Ein bewaffneter Mann ging in den Raum und nahm zunächst mehrere Geiseln. Nach einem rund zweistündigen Verhandlungsdrama tötete der Angreifer dann die zwei Vorstandsmitglieder verletzte eine Frau - die Chefin der Firma Ilona Plskova - leicht, bevor er sich selbst erschoss.
Der einflussreiche Waffenhändler Pavel Musela gilt als Schlüsselfigur in dem Prozess um Korruptionsvorwürfe beim Ankauf von Pandur-Radpanzern aus Österreich. Er zog sich bei einem Jagdunfall 2008 schwere Gehirnverletzungen zu und gilt seither als verhandlungsunfähig. Bei dem Ankauf von 107 Panzern von der österreichischen Firma Steyr-Daimler-Puch Spezialfahrzeuge (SSF) im Jahr 2009 sollen Schmiergelder geflossen sein. Seit Juli 2010 ermittelt die tschechische Polizei in dieser Causa. Außerdem wurde ein gemeinsames tschechisch-österreichisches Ermittlungsteam gebildet.
Pavel Musela besaß einst einen 50-prozentigen Anteil an der Firma, die den heute umstrittenen und korruptionsverdächtigen Einkauf von Panzerwagen Pandur der österreichischen Firma Steyr für die tschechische Armee sichern sollte. Die zwei am Donnerstag erschossenen Männer hielten in dieser Firma Minderheitsanteile und wollten angeblich die Firma beherrschen.
Pavel Musela erlitt 2008 unter mysteriösen Umständen eine schwere Gehirn-Verletzungen und mehrere Knochenbrüche, als er von einem Jagdsitz gefallen sein soll. Laut Karel Musela handelte sich jedoch um keinen Unfall, sondern eine Absicht, seinen Bruder zu töten, um dann der Familie den Anteil von Pavel Musela in der für die Pandur-Transaktion bestimmte Firma abkaufen zu können.
Die Polizei beschuldigte dann zwar einen Mann des Mordversuches, vor Gericht wurde jedoch dieser wegen Beweismangels freigesprochen. In der Donnerstag-Attacke sehen die tschechischen Medien eine Rache von Karel Musela für seinen nun angeblich querschnittsgelähmten Bruder.
Im Februar 2010 war um die Pandur-Panzer eine Affäre ausgebrochen, nachdem „Mlada fronta Dnes“ von einem Undercover-Journalisten geheim aufgenommene Gespräche mit zwei ehemaligen Steyr-Managern veröffentlicht hatte. Aus den Gesprächen ging hervor, dass rund um das Panzergeschäft Schmiergeld an tschechische Politiker und Parteien geflossen sein soll. Seit Juli 2010 ermittelt die tschechische Polizei, ein tschechisch-österreichisches Ermittlungsteam wurde gebildet.
Bei der Firma von Aircraft Industries, die mehrheitlich einem russischen Bergwerks- und Stahlkonzern gehört, sind laut AFP mehr als 650 Mitarbeiter beschäftigt. An dem Standort Kunovice etwa 260 Kilometer südöstlich von Prag werden Turboprop-Transportmaschinen gebaut. Im vergangenen Jahr steigerte Aircraft Industries, das früher LET hieß, seinen Gewinn auf rund 173 Millionen Kronen (knapp sieben Millionen Euro), während der Umsatz bei 1,17 Milliarden Kronen lag. (APA)