„Versehentliche“ Herabstufung: Ruf nach Strafen für Ratingagentur
Standard & Poors stufte Frankreichs Kreditwürdigkeit „versehentlich“ herunter. Der französische Ökonom Christian Saint-Etienne fordert eine „extrem harte Strafe“ für die US-Agentur.
Paris – Eine „irrtümlich“ verschickte Mitteilung über eine Herabstufung von Frankreichs Top-Bonität löste Schockwellen in Paris aus. Die „Information“ wurde Medienberichten zufolge erst zwei Stunden später widerrufen und als bedauerlicher Irrtum erklärt.
Noch am späten Donnerstagabend veröffentlichte der französische Finanzminister Francois Baroin eine Mitteilung, in der er die Aufsichtsbehörde für die europäischen Finanzmärkte zu einer Untersuchung auffordert.
Zweifel an „Irrtum“
„Die Regierung muss nicht nur eine Entschuldigung, sondern eine extrem starke Strafe verlangen“, forderte der französische Ökonom Christian Saint-Etienne am Freitag im TV-Sender BFM. Wenn so ein Text „irrtümlich“ ausgesendet werden konnte, so seine Logik, dann muss ihn schon jemand ganz bewusst geschrieben haben. „Standard & Poor‘s befindet sich in einer heiklen Lage“, meinte auch der frühere Vize-Präsident der New Yorker Börse, Georges Ugueux, im gleichen TV-Sender.
Für die Pariser Regierung hätte der Zeitpunkt kaum schlechter gewählt sein können. Denn nur wenige Stunden zuvor hatte sie den zuständigen EU-Gremien noch versichert, dass sie trotz eingetrübter Wirtschaftsaussichten an ihren ehrgeizigen Zielen zum Schuldenabbau festhalten werde.
Top-Ökonom: „Bestnote de facto verloren“
Der frühere französische Präsidentenberater und Top-Ökonom Jacques Attali sieht die Bestnote de facto eh bereits verloren. „Machen wir uns nichts vor: auf den Finanzmärkten haben die Schulden schon kein AAA mehr“, hatte er dem französischen Wirtschaftsblatt „La Tribune“ erklärt. Er bezog sich dabei auf den Zinsaufschlag für zehnjährige französische Staatsanleihen, der mittlerweile gegenüber den deutschen auf knapp 1,6 Prozent gestiegen ist.
Paris weiß aus schmerzlicher Erfahrung, wie schnell derartige „Irrtümer“ und Gerüchte in einer Welt der automatischen Transaktionen eine Eigendynamik auslösen und am nervösen Kapitalmarkt zum Fiasko führen können. Gerüchte rütteln nicht zum ersten Mal an der bisher hervorragenden Kreditwürdigkeit der zweitgrößten europäischen Volkswirtschaft. Der jüngste „Irrtum“ reiht sich ein in später dementierte Gerüchte über eine eventuell bevorstehende Herabstufung der französischen Kreditwürdigkeit, die schon im August die Pariser Börse durcheinanderwirbelten.
Kursschädigende Spekulationen haben zudem der Großbank Societe Generale und in ihrem Gefolge auch anderen Banken seit August dramatische Kursstürze beschert. Das Finanzinstitut war als kurz vor dem Ruin stehend dargestellt worden. Die Bank wie auch die Regierung hatten die Behauptungen vergeblich als haltlos zurückgewiesen. Auch diese Gerüchte sollen ein behördliches Nachspiel haben, hatte die Börsenaufsichtsbehörde AMF angekündigt. (APA/dpa)
Kommentare