„Il Cavaliere“ tritt ab - In den Straßen Roms wird gefeiert
Die Ära Berlusconi ist zu Ende. Der gescheiterte Regierungschef reicht seinen Rücktritt ein. Auf der Straße feiern seine Gegner.
Von Victor Simpson
Rom – Skandale und Affären gab es zuhauf, Silvio Berlusconi überstand sie alle. Gegen die Macht der Märkte aber kam der italienische Regierungschef nicht an. Denn als Italien zum neuen Brennpunkt der Euro-Schuldenkrise wurde, fällten die Finanzmärkte ihr Urteil: Berlusconi selbst war das Problem. Er war nicht das politische Schwergewicht, das die notwendigen Maßnahmen zur Ankurbelung des Wachstums und zum Abbau der Schuldenlast hätte stemmen können. Für den Fußballfan und Besitzer des AC Milan war das Spiel gelaufen.
Bis zu seinem Rücktritt am Samstag dominierte der Medienzar fast zwei Jahrzehnte lang die italienische Politik. Er hielt sich länger im Amt als alle Vorgänger - eine schillernde Figur, so charismatisch wie polarisierend: Seine Anhänger sahen ihn als großen Staatsmann, der Italien zu Macht und Wohlstand zu führen suchte. Seine Gegner hielten ihn für einen Populisten und mit seiner geballten Macht über Politik und Medien für eine Gefahr für die Demokratie.
„Die meisten Italiener wären gerne so wie ich“
Den Traum von besseren Zeiten verkaufte Berlusconi den Italienern mit der Geschichte seines eigenen Aufstiegs vom Schnulzensänger auf Kreuzfahrtschiffen zum reichsten Mann des Landes. Doch in seinen letzten Jahren an der Macht entwickelte er sich zur beinahe grotesken Karikatur des charmanten Milliardärs, der sein Volk begeistert. Seine Anziehungskraft erklärte Berlusconi einmal so: „Die meisten Italiener wären in tiefstem Herzen gerne so wie ich, sie sehen sich selbst in mir und meinem Verhalten.“ Doch der Zauber, so zeigten Umfragen, begann zu schwinden, als die Wirtschaft nicht mehr wachsen mochte, die Arbeitslosigkeit zunahm und junge Leute kaum noch eine Stelle fanden.
Die Haartransplantationen und Gesichtsstraffungen waren nicht mehr zu übersehen. Statt des Rufs als Frauenheld umgaben ihn Gerüchte von Orgien mit Prostituierten und Minderjährigen. Bei Gipfeltreffen blamierte er Italien mit Peinlichkeiten. Immer lauter wurde der Vorwurf, er kümmere sich als Politiker weniger um das Wohl Italiens als um sein eigenes - um seine geschäftlichen Interessen zu fördern und sich mithilfe von Gesetzesänderungen vor Strafverfolgung zu schützen. Auf Rücktrittsforderungen reagierte er trotzig, stellte seine Gegner als „Kommunisten“ dar, die es im Zaum zu halten gelte, und Staatsanwälte als „Terroristen“, die den Wählerwillen missachteten.
Ungebrochenes Selbstbewusstsein
Eine Latte von Anklagen, Ermittlungen und Skandale überstand Berlusconi in den vergangenen Jahren. Und obwohl der 75-Jährige sich mit „Bunga-Bunga“-Partys und gockelhaftem Gehabe international lächerlich machte, zog er sich immer wieder irgendwie aus der Affäre.
Selbst als schon seine Verbündeten von der Fahne gingen, salbte er sich zum Schluss des G-20-Gipfels in Cannes kürzlich noch zum Retter Italiens. „Ich spüre die Pflicht, diese Dinge zu tun“, sprach Berlusconi. „Das ist eine große Aufgabe und ein Opfer für mich. Hier auf dem Gipfel in Cannes habe ich mich umgeschaut, und ich sehe niemanden in Italien, der dem gewachsen wäre, unser Land zu repräsentieren. Ich fragte mich, wer könnte Italien vertreten, wenn ich nicht wäre?“
Doch selbst der Politiker Berlusconi zeigte Abnutzungserscheinungen. Das anziehende Lächeln, die selbstsicheren Witzeleien, der unverwüstliche Optimismus zogen nicht mehr. Mit seinem Rücktritt ebnet Berlusconi einer Übergangsregierung den Weg, die Italien vor der Krise retten soll.
Victor Simpson ist Korrespondent der AP