Schmachvoller Abschied aus einem unbefriedeten Land

Der Abzug der letzten US-Soldaten aus dem Irak markiert das Ende eines Einsatzes, der verlustreich, teuer und wenig erfolgreich war. Die Mehrheit der Iraker ist froh, dass keine US-Panzer mehr durch ihr Land rollen. Eine Volksgruppe fürchtet allerdings den Abschied.

Von Anne-Beatrice Clasmann und Ziad Haris, dpa

Bagdad – Der Besuch von Vize-Präsident Joe Biden Anfang Dezember sollte dem schmachvollen Abzug der letzten amerikanischen Truppen aus dem Irak noch einen halbwegs würdigen Anstrich verleihen. Doch dieser Plan misslang gründlich.

Regierungssprecher Ali al-Dabbagh feuerte noch während Bidens Aufenthalt eine verbale Breitseite auf die einstigen Verbündeten ab. Aus seinen Worten triefte der tiefe Hass, den die meisten Iraker in den letzten Jahren für die fremden Soldaten empfunden haben.

Tiefer Hass gegen die Invasoren

„Die Anwesenheit der Amerikaner im Irak hat dem Land großen Schaden zugefügt“, sagte er. Die US-Soldaten hätten sich den Irakern gegenüber arrogant verhalten. Der Anblick ihrer Panzer sei für jeden Iraker schmerzhaft gewesen - ein notwendiges Übel, das man wegen der schwierigen Lage leider habe in Kauf nehmen müssen.

Ähnlich sieht es auch der Bauunternehmer Maruf Mohanned (55) aus Bagdad, der den US-Truppen in den vergangenen Jahren Zement und andere Materialen für ihre Stützpunkte und Schutzwälle geliefert hatte. „Ich habe viele gute Geschäfte mit den Amerikanern gemacht“, sagt er, „aber tief in mir drin trage ich einen großen Hass“.

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Kurdische Minderheit fürchtet Abzug

Anders sehen es die Angehörigen der kurdischen Minderheit. Sie wissen, dass sie ihre Teilautonomie in den drei Nordprovinzen Erbil, Dohuk und Suleimanija zu verdanken haben. Wohl auch deshalb warteten der Präsident des Autonomiegebietes, Massud Barsani, und der kurdische Regierungschef Barham Salih am Flughafen von Erbil neulich geduldig in der Kälte auf Bidens Ankunft.

„Ohne die Amerikaner können wir nicht richtig atmen“, klagt der in Erbil lebende kurdische Rentner Kadir Hama (63). „Sie haben uns Sicherheit und Wohlstand gebracht, was wir in Jahren des bewaffneten Kampfes nicht erreicht hatten.“

Angst vor iranischem Einfluss

Der Rentner Hama hat wie viele irakische Kurden Angst vor dem Einfluss der Iraner. Er hätte es deshalb lieber gesehen, wenn der Einsatz der US-Truppen verlängert worden wäre. Doch dafür war im Parlament in Bagdad, wo die religiösen Parteien der Schiiten das Sagen haben, keine Mehrheit zu finden.

Letztlich scheiterte sogar der Plan, einige Tausend US-Soldaten als Ausbilder im Land zu lassen, an der Weigerung der Schiiten-Parteien zu garantieren, dass diese Soldaten auch weiterhin nur von US-Militärgerichten für mögliche Straftaten zur Rechenschaft gezogen werden dürften.

Bittere Bilanz

Die Amerikaner verlassen den Irak mit einem unguten Gefühl. Denn nicht nur Al-Dabbagh zieht zum Abschluss eine bittere Bilanz. Auch die Fakten lassen es nicht zu, die im März 2003 begonnene US-Militäroperation als Erfolg zu verkaufen. Sie wurde einst mit einem Lügen-Szenario gerechtfertigt - die angeblich noch verbliebenen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein wurden nie gefunden.

Sie kostete mehr als 4400 US-Soldaten und Zehntausende von Irakern das Leben. Sie verschaffte dem iranischen Regime politischen Einfluss in Bagdad. Und sie machte den Irak zu einem Tummelplatz für Terroristen, die sich auf die menschenverachtende Ideologie des islamistischen Terrornetzwerks Al-Kaida berufen.

Noch immer 30 Terrorakte pro Woche

Zwar ist die Zahl der Terroranschläge und Attentate in den vergangenen vier Jahren etwas zurückgegangen. Doch die Sicherheitsbehörden zählen immer noch rund 30 Terrorakte pro Woche.

Es sieht aber nicht so aus, als würde die Gewalt nach dem Abzug des letzten US-Soldaten abnehmen.

Zwar fällt es den irakischen Terroristen nun schwerer, neue Selbstmordattentäter im Ausland zu rekrutieren. Denn viele Möchtegern-Attentäter sprengen sich lieber neben einer US-Patrouille in die Luft als neben Marktbesuchern oder Pilgern. Doch der durch die Invasion angeheizte Konflikt zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionsgruppen des Irak hat sich inzwischen verselbstständigt.

Christen flüchten ins Exil

Die kleine Minderheit der Christen trifft es besonders hart. Da sie zu den bevorzugten Anschlagzielen der Terrorgruppen gehören, ist die Hälfte von ihnen nach 2003 ins Exil geflüchtet. „Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Heimatstadt Kirkuk eines Tages verlassen würde, aber wegen der Konflikte zwischen den Parteien werde ich versuchen, ein Visum für ein anderes Land zu bekommen, wo ich in Frieden leben kann“, erklärt der christliche Geschäftsmann Jussif Noah (45). Viele seiner Glaubensbrüder waren in den vergangenen Jahren nach Syrien geflohen. Doch da stehen die Zeichen jetzt auf Bürgerkrieg.

„Diese Bilder stammen aus Syrien und nicht aus dem Irak!“, lautete kürzlich die Bildunterschrift unter einer von syrischen Regimegegnern veröffentlichten Aufnahme, die eine zerschossene Hausfassade zeigt. Im Falle Syriens ist der Appetit Washingtons auf eine Militärintervention allerdings gering.

Zur irakischen Zukunft äußerte sich US-Präsident Barack Obama bei einem Treffen mit Regierungschef Nuri al-Maliki am 12. Dezember in Washington betont diplomatisch. Obama wies darauf hin, dass es noch eine Reihe von Herausforderungen für den Irak gebe. „Aber ich habe keinen Zweifel, dass der Irak erfolgreich sein wird“, betonte Obama. (dpa)


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