Unsicherheit nach Tod Kim Jong Ils: Wie gefährlich ist sein Sohn?

Nach dem Tod seines Vaters, könnte Kim Jong Un sich gezwungen sehen, seine eigene Position durch Machtdemonstrationen zu stärken. Amnesty International hat Hinweise darauf, dass das Regime derzeit verstärkt politische Säuberungen durchführt.

Pjöngjang – Einen Tag nach der Meldung vom Tod des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il wurde am Dienstag sein Sarg im Kumsusan-Palast in Pjöngjang ausgestellt. Das Staatsfernsehen zeigte in Standbildern den Leichnam des Verstorbenen, der in einem auf roten und weißen Blumen gebetteten Glassarg lag.

Sein Sohn Kim Jong Un, der als Nachfolger seines Vaters gilt, sowie mehrere Staatsfunktionäre standen, teils in Schwarz gekleidet, teils in Uniform, um den Sarg herum.

Beileidsbekundungen aus Südkorea

Im Gegensatz zur Europäischen Union, die den Tod des Diktators „zur Kenntnis“ nahm“, verlautbarten am Dienstag Beileidsbekundungen aus Südkorea und von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Die Regierung in Seoul werde zwar keine offizielle Delegation nach Nordkorea schicken, aber die Familie des früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung, der 2000 zu einem Gipfeltreffen mit Kim Jong Il zusammenkam, dürfe nach Nordkorea reisen, teilte Vereinigungsminister Yu Woo Ik mit.

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Propaganda läuft auf Hochtouren

Nach dem Tod des bizarren Diktators blickt die Weltöffentlichkeit nun besorgt auf die koreanische Halbinsel. Alle Augen richten sich derzeit auf seinen Sohn Kim Jong Un.

Die Propagandamaschine in Nordkorea läuft jedenfalls auf Hochtouren, um den noch unter 30-jährigen Nachfolger zu stärken. Er sei „als großartige Persönlichkeit vom Himmel geboren“, verkündete die amtliche Nachrichtenagentur.

Ostasien-Experte Werner Pfennig von der Freien Universität Berlin sieht die zukünftige Position des jungen Kim Jong Un zunächst als relativ stabil an. Er werde wohl mit Beratern aus Partei und Militär regieren, in einem „Gremium wechselseitiger Abhängigkeit“, was „ein Vorteil für beide Seiten“ sein könne.

Kim werde gebraucht, um vorne zu stehen „als Führerfigur, gleichberechtigt mit Vater und Großvater“. Es habe sich bisher um einen „formell geregelten Übergang“ vom Vater auf den Sohn gehandelt. Ob sich der junge Staatsführer allerdings in Zukunft einen eigenen Handlungsspielraum erarbeiten könne, bleibe abzuwarten.

Gefährlich könnte es laut Einschätzung von Beobachtern vor allem dann werden, wenn sich der neue Staatschef durch Machtdemonstrationen oder die Provokation einer Krise als neuer Führer profilieren will. Der Test einer Kurzstreckenrakete am Montag könnte ein erstes Indiz für eine derartige Strategie gewesen sein.

Hinweise auf Säuberungswelle

Amnesty International geht davon aus, dass die Unterdrückung in dem kommunistischen Land noch verschärft wird. Nach eigenen Angaben hat die Menschenrechtsorganisation Hinweise darauf, dass die nordkoreanische Regierung bereits politische Säuberungen durchgeführt hat.

Hunderte von Beamten seien hingerichtet oder in Straflager verbannt worden, weil sie eine Bedrohung für die Nachfolge durch Kim Jong Un darstellten. Die Nachrichten der vergangenen Monate aus Nordkorea ließen darauf schließen, dass Kim Jong Un „jede kritische Stimme zum Schweigen bringen will“.

Bereits als sein nun verstorbener Vater 1994 die Nachfolge seines Vaters angetreten habe, habe Kim Jong Il als Gegner wahrgenommene Menschen und deren Familien zu Zehntausenden in Straflager gesteckt. Politische Konkurrenten seien zudem in Geheimverhandlungen oder auch in Schauprozessen verurteilt und darauf hingerichtet worden.

In Nordkorea würden Hunderttausende in Straf- und Arbeitslagern festgehalten. Verurteilt zu harter Arbeit und ohne genügend Nahrung litten die Gefangenen an Hunger. Auf langfristige Sicht hofft Amnesty durch den Machtwechsel aber auf einen Neuanfang, der die katastrophale humanitäre Lage für die Bevölkerung des Landes verbessern könnte.

China zwischen Hoffen und Bangen

Auch für chinesische Experten ist diese Einschätzung durchaus realistisch. Wei Zhijiang von der Zhongshan-Universität geht davon aus, dass Nordkorea nach einer gewissen Anstandsfrist wirtschaftliche Reformen einleiten wird.

Das bislang streng abgeschottete Land werde sich hier mehr öffnen: „Der Generation von Kim Jong Un ist sehr bewusst, dass Nordkorea nicht von der Welt isoliert bleiben kann“, erklärt der Experte mit Blick auf Kims Sohn.

China hofft zwar, dass Wirtschaftsreformen die chronischen Mängel bei der Versorgung der Bevölkerung zumindest lindern würden. Allerdings würde eine Öffnung des Landes auch bedeuten, dass der wirtschaftliche und politische Einfluss Pekings auf das Nachbarland zurückgehen könnte. China sieht Nordkorea als strategischen Puffer zu den Verbündeten der USA in der Region und zahlt dafür einen wirtschaftlichen und politischen Preis.

„Ich glaube, am Ende sind das gute Nachrichten, denn Nordkorea wird sich endlich verändern müssen“, sagt Zhang Liangui von der Zentralen Parteischule in Peking zum Tod von Kim. „Wir werden abwarten müssen, ob diese Änderungen gut oder schlecht sein werden.“

(TT.com, APA/Reuters/dpa/AP/sda)

TV-Tipp: Das „Weltjournal“ bringt am Mittwoch, dem 21. Dezember 2011, um 22.30 Uhr in ORF 2 ein Porträt der kommunistischen Dynastie der Kim, gibt Einblicke in die Machtstrukturen des rätselhaften nordkoreanischen Regimes und befragt frühere Schulfreunde aus der Schweiz über den neuen Unbekannten, Kim Jong Un.


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