Krise trifft Österreich hart: Wachstum bricht 2012 ein

Das Wirtschaftswachstum in Österreich wird im kommenden Jahr stark einbrechen, übernächstes Jahr soll es aber wieder zumindest halb so stark zulegen wie heuer.

(Symbolfoto)
© TT/Böhm

Wien - Die heimischen Wirtschaftsforscher erwarten trotz der starken Konjunktur-Abschwächung keine Rezession in Österreich. Für das kommende Jahr 2012 erwartet Wifo-Chef Karl Aiginger nur ein einziges Vierteljahr mit einem Minus gegenüber dem Vorquartal, wie er am Mittwoch bei der Präsentation der neuen Prognose sagte - für eine echte Rezession müsste das zumindest zweimal der Fall sein. In den internationalen Indikatoren sei bereits wieder eine Besserung zu sehen, es sei also „nur eine Delle, keine Rezession“.

Weniger Investitionen

Zudem gebe es weiter den „Österreich-Bonus“: Das heimische BIP werde 2012 zum zehnten Mal in Folge kräftiger wachsen als Westeuropa - das Wifo geht von 0,4 Prozent real aus, das IHS von 0,8 Prozent. Für die Eurozone erwartet das Wifo 2012 eine Stagnation - Aiginger: „Es könnte auch etwas Minus sein“ -, das IHS erwartet 0,4 Prozent BIP-Zuwachs.

In einer stagnierenden Umgebung sei der für Österreich zu erwartende BIP-Anstieg von 0,4 Prozent 2012 „eine gute Leistung“, betonte Aiginger. Seit Herbst 2010 hätten sich schrittweise die Quartals-Wachstumsraten verschlechtert. Ende dieses Jahres werde das gegen Null gehen und auch 2012 mit einer Null starten. Eventuell werde es dann ein Quartal mit einem Minus geben. Schon im dritten Vierteljahr werde es aber mit 0,2 Prozent wieder leicht aufwärts gehen, und jedes Quartal werde dann ein weiteres Zehntelprozent dazukommen, umriss der Wifo-Chef die „leichte Erholung“.

Die Investitionen seien mit 0,9 Prozent Plus keine besondere Stütze im kommenden Jahr, auch heuer seien sie mit +5,6 Prozent „nur kurz aufgeflackert“ und auch nur in einigen Teilbereichen, etwa Fahrzeugen, so der Wifo-Chef. Der Konsum sei ein steter, stabiler Begleiter, erst 2013 sei aber wieder mit einem realen Anstieg von einem Prozent zu rechnen. 2012 werde es erstmals seit drei Jahren auch wieder eine Pro-Kopf-Reallohnerhöhung geben. Der Export stabilisiere etwas, die Industrie werde 2012 aber nicht wachsen, nach heuer +8 Prozent, sondern erst wieder 2013 um 3 Prozent.

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Die Arbeitslosenzahl in Österreich werde 2013 mit 263.000 Personen erstmals wieder höher sein als in der letzten Rezession: Damals seien es 260.000 gewesen, allerdings mit mehr Schulungen. In den letzten zwei Jahren sei die Zahl der Beschäftigten um 100.000 gestiegen, „das ist keine Kleinigkeit“. 2012 sei hier aber nur mit 0,6 Prozent Zuwachs zu rechnen (+26.000), 2013 sogar nur mit 0,4 Prozent Anstieg.

Keine Kreditklemme

Vom aktuellen Dreier vor dem Komma bei der Inflationsrate sollte man sich nicht zu sehr schockieren lassen, gab der Wifo-Chef zu verstehen: Die Teuerung werde schon 2012 wieder nahe an die 2 Prozent sinken und übernächstes Jahr wieder unter diese magische Schwelle sinken. Auch für Felderer ist „die Angst vor einer Inflationswelle unbegründet. Die EZB hat nur das Schrumpfen der Geldmenge verhindert.“ Seit Euro-Einführung vor 10 Jahren liege die Inflation im Schnitt bei 1,9 Prozent, erinnerte Aiginger, davor seien es 4 bis 5 Prozent gewesen. Freilich liege die Teuerung in Österreich nun schon das dritte Jahr über dem Europa-Schnitt; national gegensteuern könne man aber nur durch Energiesparen oder stärkeren Wettbewerb im Handelsbereich gegen die starken Preisanstiege bei Nahrungsmitteln.

Trotz der Stagnation in Europa erwarte er 2012 keine größeren Probleme in Europa, sagte Aiginger, weder eine Kreditklemme - das Bankensystem sei ausreichend stabil bzw. steuere die EZB hier gegen - noch würden die Bondzinsen weiter steigen, und es sei auch keine Explosion von Protektionismus oder Isolationismus zu befürchten. Von einer Euro-Krise könne man ebenfalls nicht sprechen.

Für den Wifo-Chef „tut die EZB alles, was im Rahmen ihrer Möglichkeiten ist. Die EZB ist ein glaubwürdiger Wächter der Stabilität in Europa. Die Kritik an der EZB teile ich nicht“. Ja, die Europäische Zentralbank sollte eigentlich keine Staatsfinanzierung betreiben, mittlerweile habe sie aber bereits für mehr als 200 Mrd. Euro Staatsbonds schwächelnder Euro-Staaten übernommen. Die eigentliche Wende stelle aber die Einführung eines 3-jährigen Tenders durch die EZB dar, das sei „sensationell“ angesichts der früheren 3-und 6-Monats-Finanzierungen durch die Euro-Notenbank.

Für Felderer geht der 3-Jahres-Tender der EZB schon in die Richtung des Quantitative Easing, die geldpolitische Lockerung, durch die US-Notenbank Fed, meinte der IHS-Chef auf eine entsprechende Frage. Dass die EZB für Italien die im kommenden Jahr anstehenden 300 Mrd. Euro ebenfalls übernehmen könnte, falls das Land nicht mehr am Markt finanzierbar wäre, hält Felderer für undenkbar. Jedoch könnte die EZB eine Anleihe-Zinsdifferenz von 5 auf 7 Prozent auffangen, falls Italien keine Neuverschuldung mehr aufweist, das sei „denkbar“.

Abwärtsrisiken überwiegen

Der IHS-Chef sieht die internationale Konjunktur nicht so negativ wie der Wifo-Chef: „In den USA sehen wir 2 Prozent Wachstum, das Wifo nur 1,3 Prozent - auch Deutschland sehen wir besser und erwarten dort eine Bodenbildung.“ Die USA würden am Beginn eines schwachen Aufschwungs stehen. Eine Kreditklemme gebe es in anderen Ländern, nicht in Österreich. Auch wenn die Abwärtsrisiken überwiegen, enthalte die IHS-Prognose auch Aufwärtsrisiken, so Felderer.

Ob er ebenfalls ein Aufwärtspotenzial für die Prognose sehe, wird Wifo-Chef Aiginger gefragt: Der verweist dazu wieder auf das „konstant einen halben Prozent über Europa liegende österreichische Wirtschaftswachstum“ - und auf die Budgetpolitik, die die Wachstumstreiber besser handhaben müsse. Aufwärtspotenzial gebe es auch dann, wenn Europa die letzten EU-Gipfel-Beschlüsse wirklich konsequent umsetzt.

Felderer geht davon aus, dass sich die Finanzkrise im ersten Halbjahr 2012 „beruhigt“. Dann werde sich die Konjunktur sowohl in den USA als auch in Deutschland gut entwickeln, „und dann könnte die europäische Rezession in Grenzen gehalten werden“. Europa sollte die aktuelle Krise dazu nutzen, um darüber nachzudenken, warum Europa seit längerem der am langsamsten wachsende Teil der Welt sei. Der IHS-Chef führt dies unter anderem auf die zu instabile, zu sprunghafte Steuergesetzgebung in Europa zurück.

Zu den Rating-Agenturen machen beide Instituts-Chefs kritische Anmerkungen: Beide sehen sie als „gewinnorientierte Unternehmen“, die auch „klar einen politischen Einfluss haben“. „Uns stört, dass es privatwirtschaftliche Organisationen sind, die diesen Einfluss ausüben“, sagt Felderer, allerdings würden die Agenturen weitgehend die Ansicht der Märkte reflektieren. Für eine „Abschaffung“ sind beide nicht. „Es muss die Rating-Agenturen aber geben, sonst funktioniert unser Wirtschaftssystem nicht“, meint Aiginger.

Ob die Rating-Agenturen „pro USA“ agieren würden? „Beweisen kann ich es nicht“, sagt Aiginger. Natürlich gebe es einen klaren „Bias“ im anglo-amerikanischen Raum „gegen den Euro“, gibt Felderer zu bedenken. Da müsse man nur britische oder US-amerikanische mit österreichischen Qualitätszeitungen vergleichen. (APA)


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