Machtspiele auf der Trauerfeier

Kim Jong-il wird am Mittwoch in Pjöngjang beigesetzt. Beobachter erhoffen sich Einblicke in die künftige Machtarchitektur.

Seoul – Es ist eine gigantische Trauerzeremonie, die Nordkorea am 19. Juli 1994 für den verstorbenen langjährigen Machthaber Kim Il-sung inszeniert. Zwei Millionen Menschen, so berichten Staatsmedien, säumen die Straßen Pjöngjangs, als der mit einer roten Flagge bedeckte gläserne Sarg des verstorbenen Führers in einer Limousine den Kumsusan-Palast verlässt, die Ehrengarde feuert Schüsse in die Luft, auf dem Lastwagen an der Spitze des Trauerzugs spielt eine Militärkapelle. Mehr als drei Stunden lang fährt die Wagenkolonne durch die Hauptstadt, dann wird der Leichnam zur letzten Ruhe zurück in den Palast gebracht.

Über den Ablauf der Abschiedsfeier wacht, in einem schlichten blauen Anzug im Stile Maos, der Sohn des Verstorbenen und neue starke Mann im Land, Kim Jong-il. 17 Jahre später steht am Mittwoch in Pjöngjang die Beisetzung eben dieses Mannes an, der am 17. Dezember im Alter von 69 Jahren starb. Über die Vorbereitungen zur Trauerfeier für Kim Jong-il dringt kein Wort an die Öffentlichkeit. Beobachter erwarten aber eine Wiederauflage der pompösen Zeremonie des Jahres 1994 - und hoffen dabei auf Einblicke in die neuen Machtverhältnisse an der Spitze der international isolierten Atommacht.

„Das Regime hat die Beisetzung von 1994 genutzt, die Gefolgschaft und Loyalität in der Bevölkerung für den neuen Führer Kim Jong-il zu stärken“, sagt der Nordkorea-Experte Yang Moo-jin von der Universität Seoul. „Seine eigene Beerdigung wird auf die gleiche Weise über die Bühne gehen.“ In seiner Macht gefestigt werden soll nun Kim Jong-ils jüngster Sohn, Kim Jong-un, der „Große Nachfolger“. Der ist Ende 20, hat eine Vorliebe für Basketball, Skifahren und Filme des Kampfsportlers Jean-Claude Van Damme - und nur wenig politische Erfahrung.

Rätseln über Kim Jong-uns Einfluss

Nordkoreas Nachbarstaaten und der Westen rätseln daher, wieviel Macht Kim Jong-un tatsächlich selbst ausüben wird. „Kim Jong-un kann wahrscheinlich derzeit noch nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten“, urteilt der Experte Ken Gause. „Er wird Zeit brauchen, seine Macht zu festigen - wenn es ihm überhaupt gelingt.“ Dagegen warnen andere Experten davor, den jungen Mann, der seinem Großvater Kim Il-sung frappierend ähnlich sieht, zu unterschätzen. „Er hat einen sehr starken Charakter und ein feuriges Temperament“, sagt Cheong Seong-chang von der Denkfabrik Sejong Institute. „Man kann ihn nicht einfach als unerfahren abtun.“

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Die nordkoreanischen Staatsmedien haben bereits die volle Propaganda-Maschinerie angefahren, um Kim Jong-un zu preisen. So hieß es, der neue Führer habe den in der Winterkälte um seinen Vater Trauernden heiße Getränke zukommen lassen. „Er hat so ein gutes Herz“, schreibt die staatliche Nachrichtenagentur KCNA dazu. „Die liebevolle Fürsorge Kim Jong-uns für sein trauerndes Volk wird in die Geschichte eingehen.“ Das ist allerdings noch nichts im Vergleich zu den Lobpreisungen für seinen Vater, der der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge in einem Golfspiel elf Mal einen Ball mit dem ersten Schlag im Loch versenkte.

Propaganda hin oder her: Kim Jong-un wird auf die Einflussreichen im Staatsapparat, der Arbeiterpartei und der knapp 1,2 Millionen Mann starken Armee angewiesen sein, will er seine Macht wirklich festigen. Hoch gehandelt wird dabei sei Onkel Jang Song-thaek, der Mann von Kim Jong-ils Schwester Kim Kyong-hui. Er galt bisher als zweitmächtigster Mann im Land. Aber auch Kim Kyong-hui selbst hat eine mächtige Position inne, ebenso wie Ri Yong-ho, Chef des Generalstabs der Streitkräfte, oder O Kuk-ryol, der im Zentralkomitee der Arbeiterpartei sitzt und großen Einfluss auf die Geheimdienste des Landes hat.

Einen ersten Hinweis auf die künftige Machtarchitektur wird die Beisetzung Kim Jong-ils geben. Denn welcher Würdenträger bei der Beisetzung in welcher Rolle erscheint - etwa wo er steht oder welche Uniform er trägt - lässt auch vorsichtige Rückschlüsse auf seinen künftigen Einfluss zu. (APA/AFP)


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